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Studienergebnis: Glücklich ist jener, der einen sensiblen Coach erwischt

In der vergangenen Zeit haben wir gelernt, dass unsere Artikel nicht nur von interessierten “Selbstlernern” gelesen werden, sondern auch vielfach von Profis aus dem Fach. Von Systemikern – und von Therapeuten, Coaches, Organisationsentwicklern weiterer “Schulen”. Auch Führungskräfte lassen sich inspirieren. Finden wir gut, denn: Müssten nicht eigentlich alle Therapeuten, Berater, Coaches, ja und auch Führungskräfte, besonders selbstreflektiert sein? Am besten mehrere Psychotherapien durchlaufen haben – oder zumindest einen großen Willen zur lebenslangen Persönlichkeitsentwicklung und zur Selbstreflexion inne haben?  Ja, da können wir von DeSelfie nur sagen: Es wäre sehr wünschenswert. In diesem Sinne freuen wir uns über unsere “Experten”-Rubrik – die natürlich auch alle anderen Leser lesen können, dürfen, sollen. Charlotte Friedrich hat sich in ihrer Forschung mit der Frage beschäftigt, wie Profis, die hochsensibel sind, ihr Temperamentsmerkmal in der Arbeit mit Klienten erleben. Ein noch weitgehend unerforschtes Gebiet. Lesen Sie selbst.

Danke an Unsplash Sommi

Hochsensibilität – eine Superkraft in der Arbeit mit Menschen

Seit Elaine Aron sich Ende der 1990er Jahre erstmals wissenschaftlich mit dem Konzept der Hochsensibilität auseinander gesetzt hatte, ist das Bewusstsein für dieses angeborene Temperamentsmerkmal langsam, aber stetig gewachsen. Hochsensible Menschen haben ein sensibleres Nervensystem, nehmen daher mehr (Umwelt-)Informationen auf und verarbeiten diese tiefer.

Wer ist eigentlich hochsensibel?

Wer hochsensibel ist, oder zu sein glaubt, und diesem Phänomen gerade auf der Spur ist, findet inzwischen eine ganze Menge Literatur zu diesem Thema – ob in Form von Studien, Selbsthilfebüchern oder Onlinebeiträgen. In diesem Artikel hier haben wir bei DeSelfie den aktuellen Stand zur Forschung bereits beleuchtet und hier kann man auch einen Selbsttest durchführen. Selbstreflexion, jetzt! 

Zudem haben sich eine Reihe von Therapeuten und Coaches darauf spezialisiert, mit besonders feinfühligen Menschen zu arbeiten. Doch was passiert eigentlich, wenn nicht der Klient, sondern der Praktizierende selbst hochsensibel ist? Dazu gab es bisher keine Studien. Das ist erstaunlich, da gerade in diesem Bereich (ob in Therapie, Coaching, Yoga oder in der Wellbeing-Branche allgemein) das Thema Hochsensibilität besonderen Anklang zu finden scheint.

Schon 1996 sagte Aron, sie glaube, dass Hochsensible besonders für diese Berufe geeignet seien. Seitdem mehrten sich diesbezüglich Ideen und Gerüchte, doch wissenschaftlichen Erkenntnisse gab es bisher nicht.

Folgende Studienergebnisse liefern Antworten:

Die Studienergebnisse

Konkret lautete die Forschungsfrage der Arbeit von Charlotte Friedrich: “Wie erleben Menschen, deren Arbeitsfokus auf dem Erhöhen des Wohlbefindens anderer liegt (also zum Beispiel Coaches oder Yogalehrer) ihre Hochsensibilität in ihrer Arbeit mit Klienten?”

Mit Hilfe der Grounded Theory – einer qualitativen Methode zur Datenerhebung – befragte sie zehn Menschen, die, basierend auf Arons wissenschaftlichem Fragebogen, als hochsensibel eingestuft werden konnten. Die Teilnehmer/innen stammten aus sechs verschiedenen Ländern und übten unterschiedliche Berufe in der Wellbeing-Branche aus.

Ein Spannungsfeld zwischen Herausforderung und Wertschätzung

Ähnlich wie andere Hochsensible, berichteten die Teilnehmer von Herausforderungen aufgrund ihrer Feinfühligkeit. So hatten sie oft das Gefühl “zu viel” zu spüren und Reizen gegenüber besonders empfindlich zu sein, zum Beispiel grellem Licht oder starken Gerüchen.

Große Menschengruppen führten für einige der Beteiligten zu Gefühlen von Reizüberflutung, Überforderung und Erschöpfung, obwohl sie soziale Kontakte als sehr wichtig einstuften. Die Teilnehmer gaben zudem an, lange mit ihrer eigenen Sensibilität gehadert zu haben – besonders bevor sie erfuhren, was Hochsensibilität eigentlich ist und dass sie bei 20-30% der Bevölkerung vorkommt. In ihrem Umfeld stießen die Befragten oft auf Unverständnis, was ihnen das Gefühl gab, etwas stimmte nicht mit ihnen.

Danke an Unsplash Sommi

Selbstreflexion: Besonders viel Empathie

Zum Zeitpunkt der Interviews wollte trotz der oben genannten “Nachteile” keiner der Befragten auf seine Feinfühligkeit verzichten, denn auf der anderen Seite bringt diese auch viele Vorteile mit sich. So gaben die Teilnehmer an, sie würden ihr subtiles Wahrnehmungsvermögen sehr wertschätzen. Dieses ermögliche ihnen, wie Probandin H. es ausdrückt, die “Fülle und Schönheit des Lebens in allen Facetten zu erfahren”. Ihre Sensibilität würde sie außerdem mit anderen Menschen und ihrer Umwelt verbinden, da sie zum Beispiel besonders deutlich das Phänomen empfinden “in den Schuhen des anderen zu stecken”. Des Weiteren gaben die Befragten an, Hochsensibilität wäre absolut notwendig für ihre Arbeit oder zumindest sehr nützlich. “In meiner Arbeit wird genau das gebraucht”, erklärt Proband C.

Sensibel mit Klienten

Es ist eine Superkraft. Ein Geschenk. Der Einfluss, den (meine Hochsensibilität) hat, wird mir jeden Tag zurück gespiegelt. Und die Menschen fühlen sich sicher. Sie fühlen Mitgefühl, Liebe und sie fühlen sich frei bei mir ganz sie selbst zu sein.” So fasst F. die Rolle der Feinfühligkeit in ihrer Arbeit zusammen. Wieso Hochsensibilität möglicherweise einen solchen Einfluss auf die Arbeit mit Klienten hat, darauf gaben die folgenden vier Faktoren Hinweise:

Resonanzkörper

Wie der Resonanzkörper eines Instruments, “der den Klang der Töne verstärkt”, so beschreiben die Studienteilnehmer, würde ihr eigener Körper Umweltreize verstärken, z.B. die non-verbale Kommunikation ihrer Klienten. Das Empfinden dieser Reize auf körperlicher Ebene mache es ihnen möglich, besonders empathisch zu reagieren.

Aufmerksamkeit erhöhen

Die Befragten nutzten ihre eigene erhöhte Aufmerksamkeit, um die Wahrnehmung ihrer Klienten zu erhöhen und deren Neugier auf ihre eigenen Empfindungen zu richten. Beispielsweise durch Atemübungen, Visualisierungen oder Zurückspiegeln dessen, was die Praktizierenden beobachten konnten.

Intuition

Sieben der zehn befragten Praktizierenden gaben an, intuitiv zu arbeiten. Intuition, also “wissen, ohne zu wissen warum” erlaubt es ihnen, z.B. eine Yogaklasse oder eine Behandlung, spontan an die jeweiligen Klienten anzupassen. Sie glauben, dass ihre Feinfühligkeit dabei die Quelle dieser Intuition ist.

Den richtigen Raum schaffen

Als Feinfühlige sind die Befragten ihrer Umwelt gegenüber besonders empfindsam und können so auf physischer Ebene (z.B. Licht oder Klarheit des Raumes), als auch zwischenmenschlich einen Raum schaffen, der die Klienten in ihrer Arbeit unterstützt. H beschreibt, “einen sehr sicheren Raum, einen nährenden und vertrauten Raum in dem sich Menschen wohlfühlen, sich zu öffnen.”

Danke an Unsplash Andy Chilton

Die Voraussetzungen

Um die eigene Feinfühligkeit in diesem Kontext nutzen zu können, scheint es jedoch gewisse Voraussetzungen zu geben. Einen wesentlichen Schritt stellt das Annehmen der eigenen Sensibilität dar. Dies setzt Wahrnehmung und Selbstreflexion voraus. Doch der Weg dorthin war für keinen der Befragten einfach. Es ist eine Reise, erklären die Teilnehmer, auf der sie immer wieder von neuem lernen müssen was es bedeutet, so sensibel zu sein.

Ein weiteres wichtiges Element: Selbstfürsorge

Zu “lernen, sich richtig um sich selbst zu kümmern” und mit Disziplin dabei zu bleiben, wurde von allen Befragten als essentiell wahrgenommen, um negativen Folgen vorzubeugen, z.B. Erschöpfung oder Überforderung. Als besonders hilfreich werden Atemarbeit, tägliche Bewegung, Zeit in der Natur oder allein und in Stille, sowie Mediation empfunden.

Auch Grenzen setzen und Energiemanagement (was füllt meine Energiespeicher auf, was leert sie?) stellen wesentliche Bausteine dar. Im Kontext der Klientenarbeit bedeutet das zum Beispiel auch, das einige der Befragten angaben, weniger Stunden zu arbeiten als ihre weniger empfindsame Kollegen. “Selbstfürsorge steht an erster Stelle. Das ist das Wichtigste, weil es mich zu einem guten Coach macht. Wenn ich mich um mich selbst kümmere, bin ich in der Lage meine Klienten zu unterstützen”, sagt Proband I.

Zusammenfassung

Bei der beschriebenen Studie handelt es sich um eine erste explorative Untersuchung dieses speziellen Felds. Zusammenfassend geht daraus hervor: Besonders sensibel zu sein, bringt Vorteile im betrachteten Arbeitsfeld Coaching und Wellbeing mit sich. Jedoch nur dann, wenn die Praktizierenden lernen, ihre Hochsensibilität zu verstehen, anzunehmen und sich genügend Zeit zur Selbstfürsorge und Selbstreflexion nehmen. Ein schönes Zitat eines Befragten: “Wenn du lernst, damit umzugehen und damit zu arbeiten und Selbstfürsorge lernst (…) – dann ist es eine Superkraft.”

Interessant?

In folgenden Artikeln schreibt unsere DeSelfie-Autorin Charlotte Friedrich über ihre eigenen Erfahrungen zum Thema Frausein.

Hier hat sich die Autorin mit dem Zyklusbewusstsein als Selbstreflexionsmethode für Frauen beschäftigt.

Und hier der Link zu unserem großen Artikel rund um das Thema Selbstreflexion.