5 (100%) 11 votes

Ein Raum voller Fragen: Sich seiner selbst stellen und das natürliche Frau-Sein entdecken 

Ein sehr persönliches DeSelfie von unserer Autorin Charlotte Friedrich: Gemeinsam mit 40 Frauen, die jüngste gerade mal 20, die älteste über 70 Jahre alt, war sie einen Monat lang mit sich selbst beschäftigt – und auf den Spuren des Frauseins. Auf eindrückliche Weise schildert sie ihre Erfahrungen, wie es sich anfühlt, im Kreise anderer Frauen sich selbst auf der Spur zu sein. Der eigenen Weiblichkeit, dem zyklischen Denken und dem eigenen Wollen und Können.

Viel Freude bei diesem berührenden, sinnlichen und tiefsinnigen Longread. Nehmen Sie sich bitte ausreichend Zeit dafür. Selbstreflexion passiert nicht von der einen Minute auf die andere…

DeSelfie: Unsere Autorin Charlotte Friedrich – mit Dank an Noemie Bourdin-Habert

Es ist ein tropisch-schwüler Nachmittag auf Bali und ich sitze in einem Kreis mit 40 anderen Frauen. Als eine nach der anderen zu sprechen beginnt, bin ich wie gebannt. Jede von uns hat ihr alltägliches Leben zum Halt gebracht, um sich einen Monat lang tiefgehend mit dem Thema Selbstfürsorge für Frauen auseinanderzusetzen. Aus Ländern der ganzen Welt haben wir unseren Weg nach Ubud gefunden – eine kleine Stadt auf Bali, die seit Jahrhunderten eine spirituelle Pilgerstätte derjenigen ist, die den Status Quo hinterfragen.

Eat, Pray, Love – in Realität

Und spätestens seit “Eat, Pray, Love” ein Reiseziel für Frauen, die dabei sind, ihr Leben ordentlich auf den Kopf zu stellen. Wie sehr, das wird uns allen gerade erst klar. Ein Raum voller Fragen.

Einige von uns sind auf der Suche nach einem Weg, sich besser um sich selbst zu kümmern, andere nach Möglichkeiten, die Frauen, mit denen sie arbeiten, besser zu unterstützen. Für mich ist es eine Kombination aus beidem. Ein Thema, das immer wieder aufkommt: “Ich dachte, ich kann auf mich aufpassen, aber dann bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Mir wurde klar – eigentlich weiß ich nicht, was Selbstfürsorge wirklich bedeutet.”

Wir alle halten die Antworten, die die westliche Psychologie, die Wellness-Industrie oder modernes Yoga zu bieten haben als nicht mehr ausreichend.

Wir haben viele relevante Fragen

  • Warum sehen wir einen solchen Anstieg an psychischen und physischen Erkrankung von Frauen?
  • Bin ich egoistisch, wenn ich mein eigenes Wohlbefinden an erste Stelle setze? Vor Mann, Familie, Kind – oder Freunde?
  • Was bedeutet es eigentlich, sich um sich selbst zu kümmern?
  • Was tun, wenn die Strukturen, auf die unsere Gesellschaft aufgebaut sind, sich für mich als Frau einfach nicht passend anfühlen?
  • Und … was bedeutet es eigentlich, heutzutage eine Frau zu sein?

Gehört werden, angenommen werden – unserer eigenen Stimme vertrauen

Genau das ist das Thema dieses Frauenkreises heute. Ein Thema, das tiefer geht, als ich erwartet hatte.

Tränen fließen. Die Menge an Traumata und Missbrauch, die in einer großen Gruppe von Frauen vorhanden ist, ist schwer zu fassen. Doch noch größer ist der Mut, die Stärke und die Resilienz, die diese Frauen an den Tag legen. Was hier gerade passiert ist schwer zu beschreiben, wenn man es nicht am eigenen Leib gespürt hat. Ein Cherokee-Redestab macht die Runde, dicht gefolgt von einer Packung Taschentücher. Immer nur eine Frau spricht. Für ein paar Minuten lang gehört ihr die Aufmerksamkeit aller anderen Frauen. Am Ende bedanken wir uns bei ihr – ohne Kommentare, Tipps oder Meinungen abzugeben. Wir hören einfach zu.

Und langsam wird mir klar, vielleicht brauchen wir überhaupt niemanden, der uns Antworten auf diese Fragen gibt. Vielleicht wollen wir einfach nur gehört werden, so angenommen werden wie wir sind –und uns erlauben, wieder unserer eigenen Stimme zu vertrauen.

DeSelfie: Ein Kreis von 40 Frauen, 1 Monat, 1000 Erkenntnisse

Ein Abtrainieren von Konditionierungen

Was hier passiert, ist eine Art Anti-Training: ein Abtrainieren all der Konditionierungen und Glaubenssätze, die wir uns über Jahre angeeignet haben. Besonders deutlich wird das in unserer physischen Yoga- und Bewegungspraxis. Anstatt ordentlicher Reihen an Matten gibt es einen Kreis von Nestern aus Decken, Matten und Kissen. In der Mitte des Raumes findet sich ein etwas ungewöhnlicher Altar voller Kuriositäten. Von einem anatomischen Modell des weiblichen Beckens, über feministische Literatur, bis hin zu Schokolade. Alles was uns auf unserer Reise zurück zum natürlichen Frau-Sein unterstützt.

DeSelfie: weibliche Kuriositäten im Zentrum des Raumes

Einige von uns haben es sich an der Wand mit Decken und Kissen gemütlich gemacht, andere passen die morgendliche Yogapraxis ganz ihren Bedürfnissen an, in dem sie sich frei bewegen, tanzen, atmen. Starre Linien und Ausrichtungsprinzipen? Fehlanzeige. Niemand macht das Gleiche, jede tut das was sie gerade braucht.

Über die knapp fünf Wochen, in der das große lichtdurchflutete Lotus Studio der Yoga Barn unser Zuhause ist, wird das immer deutlicher. Die Uniformität fällt von uns ab. Wir finden den Mut Verantwortung für unser eigenes Wohlbefinden zu übernehmen. Es fühlt sich so gut an.

Fundierte Entscheidungen für das eigene Wohlbefinden treffen

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, tatsächlich in der Lage zu sein, fundierte Entscheidungen darüber zu treffen, was ich als Frau will und brauche. Zu lange habe ich mich durch meine Unwissenheit und mein Unverständnis für meinen eigenen Körper und das Frau-Sein nicht dazu in der Lage gefühlt. Ich merke, dass mir bisher die eigene Expertise über meinen Körper und mein Wohlbefinden durch die Medikalisierung fehlt (Anm.: Medikalisierung ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken, die vorher außerhalb der Medizin standen. Eine mögliche Folge: Selbstentmüdigung).

Das Prinzip der weiblichen Lebens-und Monatszyklen zu verstehen, habe ich als besonders hilfreich dabei empfunden, um diese Selbstbefähigung zurückzuerobern.

DeSelfie: Zurück zur Natur. Unsere Autorin Charlotte Friedrich – mit Dank an Noemie Bourdin-Habert

Als Frau verläuft unser Leben in Phasen und Übergängen

Tageszyklen, Monatszyklen, Lebenszyklen – unsere Emotionen und unser Energielevel laufen zyklisch ab. Von unseren monatlichen Zyklen, zu längeren Lebensphasen, von der Menarche zur Mutterschaft, über die Stillzeit hin zur Peri-Menopause und Menopause, und darüber hinaus… als Frauen sind wir konstant im Wandel. Im Alltag arbeiten wir jedoch oft gegen unsere natürlichen Zyklen an und nehmen sie als Belastung wahr.

Das Resultat: wir fühlen uns träge, energielos, außer Balance oder unausgeglichen. Darüber und über andere “Frauenthemen” zu reden, dafür gibt es selten den richtigen Rahmen. Es ist Zeit anzuerkennen, dass wir Frauen in eigenen Rhythmen funktionieren und Phasen durchlaufen, die sehr vom Erleben der Männer abweichen.

Über Themen zu reden, über die man sonst nie reden würde, das setzt enorme Energie frei. Denn, in einem Raum mit 40 Frauen gibt es mindestens ein oder zwei andere, die vor ähnlichen Herausforderungen standen und sich auch fragen, ob sie damit alleine sind. Wenn wir die Chance bekommen, gesellschaftliche Tabus zu brechen und Einblicke in die Psyche anderer Frauen erhalten, wird schnell klar: so unterschiedlich sind wir eigentlich gar nicht.

Unsere Zyklen anerkennen

Zurückblickend fällt es mir schwer zu verstehen, wie ich mein Leben bisher ohne dieses Wissen navigiert habe. Kein Wunder, dass ich mich teils meinen Emotionen ausgeliefert gefühlt habe, sogar das Gefühl hatte, etwas stimmt nicht mit mir. Meiner Erfahrung nach gibt es kaum etwas Bestärkenderes oder Heilsameres, als die eigenen Zyklen anzuerkennen und gemeinsam mit anderen Frauen zu lernen, wieder auf unsere innere Stimme zu hören – und von anderen gehört zu werden.

In meinen Augen stellt dies nicht nur einen Akt der Rebellion gegen die patriarchische Gesellschaft dar, in der wir nach wie vor leben, sondern auch einen wesentlichen Schritt, um die Balance in unsere Umwelt und auf globaler Ebene wiederherzustellen, die durch lineare und von konstantem Wachstum getriebene Denkweisen an ihre Grenzen gebracht worden ist. Durch ein Verständnis für die femininen Zyklen, in uns und um uns herum, stellen wir nicht nur einen neuen, tieferen Kontakt zu uns selbst her, sondern auch zu unserer Umwelt und der Natur. Wir sprechen nicht umsonst von Mutter Erde…

Stärke durch Rezeptivität und Sanftheit

Dieser Monat war für mich eine der eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Ich habe eine neue Form der Stärke entdeckt – die der Rezeptivität und Sanftheit. Was bleibt, ist ein Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit, dass ich so bisher mit anderen Frauen noch nicht erlebt hatte. Auf körperlicher Ebene beginne ich zu verstehen, was es bedeutet, wirklich gesehen und gehört zu werden, mich selbst zu zeigen und ehrlich und offen zu kommunizieren.

In dem Wissen, dass mein Gegenüber wirklich versteht, wovon ich spreche und mir mit tiefer Empathie volle Aufmerksamkeit schenkt. Zum ersten Mal nehme ich wahr, wie sehr diese Zeit unter Frauen, so ganz frei von Wettbewerb, meine Energiespeicher auffüllt. In ein paar Wochen sind mir diese Frauen so ans Herz gewachsen, dass der Abschied wahnsinnig schwer fällt.

DeSelfie: Sich selbst spüren lernen. Unsere Autorin – mit Dank an Noemie Bourdin-Habert

Es ist ein Lernprozess

Auch einige Monate nach dem Training ist das Integrieren der gelernten Inhalte ein fortwährender Prozess. Das ist vor allem in meinen Beziehungen deutlich geworden. Klar zu kommunizieren was ich brauche, ist nach wie vor ein Lernprozess – aber es fällt schon so viel leichter. Eine Erfahrung, die viele der anderen Frauen teilen.

Während wir Monat für Monat das gesamte Spektrum möglicher Emotionen durchlaufen, wird uns langsam immer klarer, was für uns im Leben wichtig ist. Mit einem Frauenköper auf die Welt zu kommen ist in vielen Teilen der Welt und auch hierzulande, nach wie vor mit Benachteiligungen verbunden. Doch mir ist in diesem Monat klar geworden, welche Superkräfte das Frau-Sein ebenfalls mit sich bringt.

Ich denke inzwischen, dass eine solche “Ausbildung”, wie ich sie erfahren durfte, das Geburtsrecht jeder Frau sein sollte. Bis das tatsächlich der Fall ist, beobachte ich gespannt, wie sich die Rückkehr zu unseren Zyklen – die Urkraft des Weiblichen –langsam aber stetig ausbreitet. Denn ich weiß jetzt, es gibt noch viel mehr Frauen dort draußen, die genau die selben Träume, Ängste und Wünsche haben wie ich – und die sich nach dieser Lebensweise zurücksehnen.

Unsere Autorin Charlotte Friedrich (MSc Positive Psychologie & Coaching Psychologie, qualifizierte Yoga Lehrerin mit Fokus auf ) bietet Workshops, Retreats, und Coaching zum Thema Selbstfürsorge für Frauen an. Mehr Informationen finden Sie hier: www.charlottefriedrich.com

Weiterführende Literatur

Wild Power: Dein Zyklus als Quelle weiblicher Kraft von Alexandra Pope, Sjanie Hugo Wurlitzer, et al.

Burning Woman von Lucy H Pearce

Vagina: A New Biography, Vagina: Eine Geschichte der Weiblichkeit von Naomi Wolf

Interessant sein könnte auch:

200h Women’s Self-care informed Yoga Teacher Training mit High Vibe Yoga im Mai 2020 in Ubud, Bali.

https://highvibeyoga.com/teacher-training/200hr-womens-self-care-training/

Mehr Selbsterfahrungsberichte finden Sie hier.