Die Qual der Wahl

Wir treffen jeden Tag eine Unmenge an Entscheidungen. Kleine und große. Wenn wir uns beispielsweise beim Einkaufen zwischen verschiedenen Produkten entscheiden – die Auswahl wächst jeden Tag. Inzwischen können wir aus über 250 verschiedenen Shampoo-Sorten wählen. Eigentlich eine große Freiheit. Und gleichzeitig fällt es uns immer schwerer, uns zu entscheiden. Unsere Londoner Autorin Charlotte Friedrich deckt für DeSelfie zwei grundsätzliche Entscheidungstypen auf. Eine Spurensuche, wie wir gute Entscheidungen treffen können.

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Weniger ist mehr

Lange galt die Devise: Je größer die Auswahl, desto besser. Die Wahl zu haben – das verbinden wir in der Regel mit mehr Entscheidungsfreiheit und Autonomie. Und dadurch mit mehr Wohlbefinden. Doch den Punkt, an dem mehr Auswahl auch mehr Vorteile mit sich bringt, haben wir inzwischen längst überschritten.

Grübeln: das kennen wir alle

Jeder von uns hat sicherlich schon einmal vor einer Entscheidung kapituliert, weil einfach nicht klar war, was denn nun die beste Option ist. Ein andermal schaffen wir es, uns zu einer Entscheidung durchzuringen, doch das Ergebnis ist oft wenig befriedigend und wir grübeln weiterhin darüber nach, ob wir uns denn auch richtig entschieden haben.

Keine Wahlmöglichkeit ist auch schlecht

Die Psychologen Barry Schwartz und Sheena Iyengar beschäftigen sich seit Jahren eingehend damit, wie wir eigentlich Entscheidungen treffen. Das Ergebnis: Keine Wahlmöglichkeiten zu besitzen, macht das Leben unerträglich. Doch zu viel Auswahl wirkt sich ebenfalls negativ auf unser Wohlbefinden aus.

Hauptsache: intrinsisch motiviert

Zunächst führt mehr Auswahl zu erhöhter intrinsischer Motivation. Doch dann erreicht die Anzahl an Optionen einen Sättigungspunkt. Unsere Motivation nimmt drastisch ab. Wir fühlen uns weniger bereit, Entscheidungen zu treffen und sind am Ende unzufriedener mit dem Resultat.

Aus sechs Möglichkeiten wählen wir souverän

So haben zum Beispiel Iyengar und Lepper (2000) in einer Studie gezeigt, dass Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit Marmelade oder Schokolade kaufen, oder einen Aufsatz schreiben, wenn sie sechs Wahlmöglichkeiten haben – im Vergleich zu Probanden, die zwischen 24, 30 oder mehr Optionen wählen durften. Die erste Gruppe, deren Auswahlmöglichkeiten geringer waren, war zufriedener und erzielte bessere Ergebnisse. Doch woran liegt das?

Die Qual der Wahl

Es gibt eine Menge Gründe, weshalb sich zu viel Auswahl negativ auf unser Wohlbefinden auswirken kann:

  1. Sind wir mit unserer Wahl nicht komplett zufrieden, können wir uns leicht vorstellen, dass eine andere Option vielleicht passender gewesen wäre.
  2. Selbst wenn die gewählte Option all unseren ursprünglichen Anforderungen entspricht, erhöht die Anzahl an Alternativen die Opportunitätskosten. Wir können uns leicht vorstellen, welche Möglichkeiten uns entgehen, wenn wir uns für eine einzige, und damit gegen eine große Anzahl an anderen Optionen entscheiden.
  3. Unsere Erwartungen wachsen mit der Anzahl der Optionen exponentiell. Das Resultat muss nun nicht nur die ursprünglichen Erwartungen erfüllen, es soll „perfekt“ sein.
  4. Werden unsere Erwartungen dann nicht erfüllt, suchen wir nach Gründen. Bei einer geringen Auswahl ist es einfach, diese Verantwortlichkeit auf externe Faktoren zu schieben. Ist die Auswahl jedoch nahezu unbegrenzt, haben wir das Gefühl, die gesamte Verantwortung für die „schlechte“ Entscheidung läge bei uns. Denn wir hatten ja die Wahl. Wir geben uns selbst die Schuld.

Die Folgen, wenn wir zu viel Auswahl haben

All dies führt vor allem zu weniger Zufriedenheit mit dem Ergebnis unserer Entscheidung. Selbst wenn die Entscheidung eine „gute“ war, das heißt, die ursprünglichen Ansprüche erfüllt. Doch oftmals kommen wir noch nicht einmal dazu, eine Entscheidung zu treffen. Wir sind wie paralysiert, schieben Entscheidungen auf die lange Bank oder vermeiden sie sogar komplett.

Große Auswahl macht unzufrieden

In Studien wurde gezeigt, dass dies selbst dann der Fall ist, wenn eine nicht ideale Entscheidung zu Vorteilen führen würde. Zum Beispiel bei der Wahl einer vom Arbeitgeber unterstützten Altersvorsorge. So macht uns mehr Auswahl nicht freier, sondern schränkt uns ein. Anstatt uns glücklicher zu machen, macht sie uns unzufrieden. 

Unser Wohlbefinden ist aber nicht nur von der Größe der Auswahl abhängig, sondern auch von unseren Entscheidungsstrategien.

Leer, voll, leer, voll – manche Entscheidungen sind schwer für uns. Danke an Pixaby

Zwei Wege zur Entscheidung

Menschen unterscheiden sich, wie sie zwischen verschiedenen Alternativen wählen. Forscher bezeichnen diese unterschiedlichen Typen als “Maximiser” und “Satisficer”.

Menschen, die „maximieren“, ziehen alle Möglichkeiten in Erwägung. Sie wollen die bestmögliche Wahl treffen. Dafür informieren sie sich eingehend, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich aus den besten Optionen wählen können.

Maximieren ist zeitaufwändig und anstrengend

So finden Studenten, die “Maximiser” sind, zum Beispiel besser bezahlte Jobs. Objektiv betrachtet, treffen sie somit bessere Entscheidungen. Doch subjektiv sind sie mit ihren Entscheidungen meist unzufriedener als ihre Kollegen, die “Satisficer” sind. Denn maximieren ist zeitaufwändig, mental anstrengend und – aufgrund großer Auswahl – niemals wirklich abgeschlossen.

Entscheidungen anhand von Kriterien

Satisficer hingegen neigen dazu, ihre Entscheidungen anhand einer Reihe wesentlicher Kriterien zu treffen. Sie akzeptieren Optionen, die diese Kriterien erfüllen und verwenden weniger Zeit darauf, weitere Alternative zu finden. Ihr Ziel ist es nicht, jede Entscheidung zu optimieren, sondern eine Option zu wählen, die ihren Zweck erfüllt. Mit der getroffenen Entscheidung sind sie daher in der Regel zufrieden.

Sind Sie ein “Maximiser” oder “Satisficer”?

Rufen Sie sich einige kürzlich getroffene Entscheidungen in Erinnerung oder solche, die besonders wichtig für Sie waren – das hilft Ihnen bei der Selbstreflexion.

Selbstreflexion: Wie haben Sie entschieden?

Haben Sie versucht alle Faktoren einzubeziehen, um die bestmögliche Entscheidung zu treffen?

Oder haben Sie sich eher anhand einer kleinen Anzahl wesentlicher Kriterien entschieden?

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrer Entscheidung?

Meist tendieren wir mehr zu einer der beiden Strategien. Sollten Sie festgestellt haben, dass Sie zum „Maximieren“ tendieren, nehmen Sie das nächste Mal, wenn Sie die Wahl haben, einmal bewusst den Standpunkt eines Satisficers ein. Sind Sie bereit sich für die erste Option zu entscheiden, die Ihre Kriterien erfüllt? Die Kunst liegt darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das ist leichter gesagt als getan. Doch wem es gelingt, der ist meist zufriedener.

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Wie entscheide ich richtig?

Folgende Schritte können helfen:

Reduzieren Sie zuerst Alternativen

Sie wissen nicht, was Sie studieren möchten, doch Jura ist es sicher nicht? Sie haben mehrere Jobs im Auge, doch bei einer davon haben Sie Bedenken? Wenn wir uns nicht entscheiden können, kann es helfen sich klar zu machen, welche Optionen NICHT in Frage kommen und so die Auswahlmöglichkeiten zu verringern.

Werden Sie konkret

Welche Folgen, positive und negative, würde die Entscheidung mit sich bringen? Was wären die Folgen, wenn Sie sich falsch oder gar nicht entscheiden? Besonders wenn Sie sich wie erstarrt fühlen, hilft es sich die positiven Folgen der zu treffenden Entscheidung vor Augen zu führen.

Kategorisieren Sie die Optionen

Wir können besser mit einer großen Anzahl an Möglichkeiten umgehen, wenn wir diese zuerst in Kategorien unterteilen. Entscheiden Sie dann für eine Kategorie und sehen Sie sich nur die einzelnen Optionen dieser Kategorie an. Im Restaurant hieße das, sich zum Beispiel erst zwischen Pizza und Pasta zu entscheiden, bevor Sie ein spezifisches Gericht wählen.

Arbeiten Sie sich von einer geringeren zu einer größeren Auswahl vor

Bei einem Autokauf fällt es uns zum Beispiel leichter uns erst zu entscheiden, ob wir lieber Automatik oder Manuell schalten, also zwischen zwei Optionen zu wählen, als zwischen 160 verschiedenen Farboptionen. Wenn Sie mehrere Entscheidungen treffen müssen, fangen Sie also mit denen an, bei der die Optionen am überschaubarsten sind.

Stellen Sie Ihre eigene Daumenregel auf

Ab wann lohnt es sich für Sie, mehr Zeit zu investieren, um eine Entscheidung zu treffen? Lohnt es sich zum Beispiel für einen Betrag von 20 Euro, Stunden auf der Suche nach Alternativen zu verbringen oder tut es auch die erste Option, die Ihren Kriterien entspricht? Bei höhere Beträgen, je nach Ihrem Budget, lohnt es sich vielleicht zwei oder drei Alternativen abzuwägen. Setzen Sie sich hierfür einen Betrag. Für Investments, die wesentlich höher sind, lohnt es sich vielleicht doch ein wenig zu maximieren. Doch vergessen Sie nicht, welche Kriterien Ihnen wirklich wichtig sind. Schreiben Sie diese am besten vorher auf.

Diese Schritte können Ihnen dabei helfen, Zeit zu sparen, mentale Überanstrengung zu vermeiden und Ihr generelles Wohlbefinden zu erhöhen.

Zum Weiterdenken:

TEDtalk von Barry Schwartz. The paradox of choice.

TEDtalk von Sheena Iyengar. How to make choosing easier.

Barry Schwartz Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht

Quellen für diesen Artikel:

Botti, S., & Iyengar, S. S. (2006). The dark side of choice: When choice impairs social welfare. Journal of Public Policy & Marketing, 25(1), 24-38.

Iyengar, S. S., & Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing?. Journal of personality and social psychology, 79(6), 995.

Iyengar, S. S., & Kamenica, E. (2010). Choice proliferation, simplicity seeking, and asset allocation. Journal of Public Economics, 94(7-8), 530-539.

Iyengar, S. S., Wells, R. E., & Schwartz, B. (2006). Doing better but feeling worse: Looking for the “best” job undermines satisfaction. Psychological Science, 17(2), 143-150.