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Soziale Medien schaffen gleichzeitig Nähe und Distanz

Warum sind manche Menschen andauernd auf sozialen Medien und andere  überhaupt nicht? Was steckt hinter der Sucht nach Sozialen Medien? Diesen Fragen bin ich in meiner Bachelorarbeit auf den Grund gegangen. Das Kernergebnis  ist, dass vor allem ängstliche Individuen süchtig nach Sozialen Medien sind. Das ist sogar unabhängig von Alter, Geschlecht und Beziehungsstatus so.

Ein Fachartikel für alle, die sich für das Thema Bindung interessieren und sich fragen, warum manche Mitmenschen schneller, öfter oder einfach anders über Kanäle wie WhatsApp & Co. mit uns kommunizieren. Von Carina Rothenbücher.

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Die Nutzung von Sozialen Medien lässt sich anhand einer Vielzahl von Faktoren erklären. Wir konzentrieren uns hier auf  Bindungsstile.

Was ist ein Bindungsstil?

Wenn ich über den Titel meiner Bachelorarbeit berichte, schauen mich die meisten Menschen verdutzt an: Bindungsstile? Geht es dabei um Marketing, also wie man Kunden an ein Unternehmen bindet? Ich muss zugeben, dass diese Vermutung aufgrund meines Wirtschaftspsychologie-Studiums nahe liegt. Allerdings ist das komplett falsch!

Erfahrungen in der Kindheit prägen

Bindungsstile befassen sich – wie vieles in der Psychologie – zunächst mit den Erfahrungen, die wir in unserer frühen Kindheit gemacht haben. Dabei steht die Beziehung zu unserer primären Bezugsperson im Vordergrund. Für die meisten Menschen ist das die Mutter oder der Vater, tendenziell kann aber jedes Individuum unabhängig von dem genetischen Verhältnis zum Säugling diese Rolle einnehmen.

Bindung und Persönlichkeitsentwicklung

Als bekannteste Bindungsforscher gelten John Bowlby (1907-1990) und Mary Aniswort (1913-1999). John Bowlby erforschte für die WHO verwaiste Kinder der Nachkriegszeit. Dabei interessierte er sich dafür, wie sich die mangelnde Fürsorge auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Er ist Gründer der Bindungsforschung und verantwortlich für alle der folgenden Begriffe bis auf den der “Bindungsstile”, der ergänzend von Mary Ainsworth geprägt wurde.

Was ist ein Bindungssystem?

Jeder Säugling wird mit einem sogenannten Bindungssystem geboren, das automatisch nach der Geburt aktiviert ist. Dieses wird von “bedrohlichen Reizen” aktiviert. Bedrohlich heißt in diesem Kontext nicht gleich” allgemeingefährlich”. Der Begriff muss aus Säuglingsperspektive verstanden werden. Dieser kann sich noch in keiner Weise selber versorgen und erlebt somit beispielsweise Hunger als eine Bedrohung.

Was ist Bindungsverhalten?

Erfährt der Säugling nun eine bedrohliche Situation “springt das Bindungssystem an” und löst Bindungsverhalten aus. Darunter versteht man jegliche Handlungen, die darauf ausgerichtet sind, Nähe mit einer anderen Person auszubauen oder beizubehalten. Um das an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Der Säugling hat Hunger (bedrohliche Situation) und schreit (Bindungsverhalten), um seiner Bezugsperson z.B. der Mutter zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt und fürsorgliche Nähe aufgebaut wird.

Das Arbeitsmodell der Bindung

Mit der Zeit lernt der Säugling eine gewisse Ursache-Wirkungsbeziehung zwischen seinem Verhalten und dem der Bezugsperson. In unserem Beispiel bedeutet das, dass der Säugling auf sein Schreien entweder eine befriedigende, generell eine oder gar keine Reaktion erwartet. Das verinnerlichte Wissen über sich selbst und die Bezugungsperson in bestimmte Kontexten nennt man Arbeitsmodell der Bindung. Dieses Arbeitsmodell wird in das Erwachsenenalter weitergetragen und beeinflusst die Art und Weise, wie wir Beziehungen aufbauen und wie wir uns in diesen verhalten.

Es gilt festzuhalten, dass jeder Mensch eine Bindung im Säuglingsalter und späteren Entwicklungsschritten aufbaut.

Über die Bindungsstile

Die Bindungsstile wurden von Mary Ainsworth klassifiziert durch ihren sogenannten “Fremde-Situation-Test”. Dabei untersuchte sie, wie Kleinkinder (12-18 Monate) auf eine Reihenfolge von Trennungen und Wiedervereinigungen mit ihrer Mutter reagieren. Ein Video des Versuchs können Sie hier begutachten. Sie stellte fest, dass sich das Verhalten in insgesamt drei Gruppen bzw. Bindungsstile einteilen lässt:

  • sicher
  • ängstlich-ambivalente und
  • vermeidend gebundene Kinder.

Beispielsweise freuen sich sicher gebundene Kinder, wenn sie mit ihrer Mutter wiedervereint werden. Später wurde dann noch von den Forschern Main und Solomon eine vierte Kategorie hinzugefügt:

  • der desorganisiert-desorientierte Typ.

Da sich die frühen Erfahrungen mit der primären Bezugsperson in dem Arbeitsmodell der Bindung manifestieren, wurden diese Kategorien entsprechend übernommen, um das Verhalten von Erwachsenen in Beziehungen zu beschreiben.

Was versteht man unter Sucht nach Sozialen Medien?

Eine Sucht wird in Deutschland mit Hilfe des ICD 10, einem Manual für psychische Störungen, diagnostiziert. Der (beispielsweise) Psychiater hat dabei eine Liste von Kriterien, anhand derer er eine Sucht feststellen kann. Hierbei werden allerdings nur substanzabhängige Süchte, wie die Alkoholsucht, anerkannt. Folglich wird die Sucht nach Sozialen Medien in Deutschland nicht als Störung anerkannt, weshalb auch oft die Bezeichnung von einer “problematischer Nutzung der sozialen Medien” gesprochen wird.

Offiziell gibt es diese Sucht (noch) nicht

Der englischsprachige Raum ist hinsichtlich der Erforschung dieses Gebietes schon etwas weiter. Zumindest die Sucht nach Onlinespielen wird von dem DSM, dem englischen Pendant zum ICD 10, anerkannt. Mit Hilfe dieser ist es möglich, die Sucht nach sozialen Medien zu messen. Knapp lässt sich die Sucht nach sozialen Medien, als der “unkontrollierbare Drang, soziale Medien zu nutzen”, beschreiben.

Wie kann man die beiden Konstrukte messen?

Da die Erforschung der Bindungsstile schon ein recht altes Forschungsgebiet ist, gibt es eine Vielzahl an Erhebungskonstrukten. Stellen Sie sich vor, dass ich ganze sieben Seiten in meiner Bachelorarbeit an die kurze Beschreibung eines Bruchteils dieser Konstrukte gewidmet habe. Schlussendlich habe ich mich für die kurze Version des Experience in Close Relationsships (ECR-S) entschieden. Dieser Test besteht aus insgesamt 12 Fragen und misst den Bindungsstil mit Hilfe von zwei Dimensionen.

Kindheitserfahrungen prägen Beziehungsverhalten

Erinnern Sie sich, dass das Verhalten mit unserer primären Bezugsperson in unserem Arbeitsmodell verinnerlich ist. Dabei besitzen wir Informationen über uns selber und die Bindungsperson. Nun nehmen wir diese Erfahrungen mit, sobald wir neue potentielle Partner kennenlernen und eine Beziehung mit Ihnen eingehen. Zwei Faktoren haben sich für die Beschreibung des Verhaltens von Erwachsenen in romantischen Beziehungen herauskristallisiert: Angst und Vermeidung.

Die Angst repräsentiert unser Eigenbild, welches positiv und negativ  bewertet werden kann. Hohe Werte auf der Skala Angst werden folglich als ein negatives Selbstbild interpretiert. Analog wird unser Gegenüber bewertet, welches durch die Dimension Vermeidung beschrieben wird. Diese Ausprägungen schlagen sich primär in dem Bindungsverhalten (Suchen und Beibehalten von Nähe) nieder.

Gemäß der unten stehenden Grafik lassen sich die vier Bindungsstile nun einteilen. Grundsätzlich sollte jedoch verstanden werden, dass der Test primär die Ausprägung auf den beiden Skalen und nicht einen konkreten Bindungsstil misst.

Wie äußern sich die Bindungsstile in Beziehungen?

Jemand, der zu den sicheren Bindungstypen zählt, gilt als eine Person, die sich selber Wert zuschreibt und andere generell als offen und akzeptierend erlebt. Sie können enge Beziehungen führen ohne ihre Autonomie zu verlieren.

Personen der Kategorie „preoccupied“ besitzen zwar ein positives Bild von anderen, schätzen sich jedoch selber nicht als liebenswert ein. Sie neigen dazu, ihr Wohlergehen von anderen abhängig zu machen.

Dagegen bewerten Personen mit dem „dismissive-avoidant“ Bindungsstil sich selbst als positiv. Sie haben eine negative Einstellung gegenüber anderen und beschützen sich vor Enttäuschung, indem sie enge Beziehungen meiden. Dabei steht die Aufrechterhaltung der eigenen Autonomie im Vordergrund.

Zuletzt bewertet die „fearful-avoidant“-Gruppe sich selbst und andere negativ. Da sie andere als prinzipiell zurückweisend einschätzen, meiden sie starkes Involvement.

Die Messung von der Sucht nach Sozialen Medien gestaltet sich dabei etwas einfacher. Bisher gibt es nur ein englischsprachiges Konstrukt, welches ich für meine Bachelorarbeit übersetzt habe. Dabei wurden die neun Kriterien, die für die Identifizierung einer Gaming-Sucht gemäß dem DSM 5 festgelegt sind, auf soziale Medien übertragen. Diese werden von den Probanden mit ja oder nein beantwortet. Falls fünf oder mehr von den Kriterien zutreffen, gilt jemand als süchtig. Damit Sie eine Vorstellung gewinnen, hier ein Beispiel: “Haben Sie versucht weniger Zeit auf sozialen Medien zu verbringen, sind jedoch daran gescheitert?”.

Wie beeinflusst der Bindungsstil die Sucht nach Sozialen Medien?

Das Kernergebnis meiner Arbeit ist, dass vor allem ängstliche Individuen süchtig nach sozialen Medien sind. Das ist sogar unabhängig davon, ob sie ebenfalls vermeidend sind, ihre Alter, Geschlecht und dem Beziehungsstatus. Ängstliche Individuen suchen in Beziehungen sehr viel Nähe.

Soziale Medien erlauben beides: Distanz und Nähe

Umgangssprachlich erkläre ich meinen Freunden oft, dass Jemand, der eine 6 von 6 auf dieser Skala erzielen würde, die “Bilderbuch-Klette” wäre. Tatsächlich können sich Partner von ängstlich ausgeprägten Bindungstypen oftmals eingeengt fühlen – vor allem, wenn sie vermeidend sind. Soziale Medien besitzen eine beziehungsgestaltende Funktion und werden somit vermutlich eingesetzt, um Intimität in Beziehungen auch bei Distanz beizubehalten.

Ständiger Zugang zum Partner…

Sie werden folglich eingesetzt, um die Angst vor dem Verlust beziehungsweise Trennung abzubauen. Daher kann es bei einer Sucht von Sozialen Medien hilfreich sein zu hinterfragen, ob diese Person ängstlich gebunden ist. Stellen Sie sich vor wie hilfreich WhatsApp ist, wenn Sie permanent Zugang zu Ihrem Partner wollen. Permanent können Sie ihn / sie erreichen und auch noch wissen, ob die Nachricht ankommt und gelesen wird. Ferner denken Sie an die “Stories” auf sozialen Medien, also Bilder, die für einen bestimmten Zeitraum geteilt werden, um zu zeigen was man momentan macht. Das gibt große Sicherheit zu wissen, was der Partner macht und ist auch eine Ausdrucksform, sich selbst mitzuteilen und gesehen zu werden.

…aber bloß nicht zu nahe kommen

Interessanterweise hat sich auch bemerkbar gemacht, dass vermeidende Individuen zu süchtigem Verhalten tendieren. Ich hatte angenommen, dass diese Menschen soziale Medien vernachlässigen, um die Nähe zu reduzieren. Es ist vorstellbar, dass sie den Aufbau von Nähe über soziale Medien bevorzugen. Quasi sind soziale Medien das Tool, um seinem Partner nicht nahe zu sein ihn aber auch nicht komplett aus den Augen zu verlieren.

Ihre Meinung ist uns wichtig!

Doch nun zu Ihnen! Was meinen Sie? Schätzen Sie sich als ängstlich, vermeidend oder beides ein? Ich kann sich beruhigen, die Mehrzahl meiner 217 Probanden zählten zu dem sicheren Bindungsstil!

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr über Bindungsstile wissen? Gerne kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular!

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