…zitiert in einer Masterarbeit über Digitale Kultur
In unserer Rubrik “DeSelfie als Quelle” sprechen wir heute mit Miriam Sandleitner. Wir haben über den Einsatz einer KI festgestellt, dass sie DeSelfie als Quelle in ihrer Masterarbeit genannt hat. Wer weiß, ob wir ohne KI darauf gestoßen wären. Darüber sind wir ins vertiefte Lesen der Masterarbeit gekommen und haben Kontakt mit Miriam aufgenommen. Die Arbeit trägt den spannenden Titel “Von Mensch zu Mensch in der Digitalen Kultur – in besonderem Hinblick auf die zwischenmenschliche Begegnung”.
Miriam Sandleitner hat sich in ihrer Masterarbeit, die frei zugänglich ist, mittels Literaturanalyse dem Thema interdisziplinär angenähert, “um das möglichst umfangreiche Forschungsfeld zu erfassen.” Sie trägt Erkenntnisse der Philosophie, Anthropologie, Phänomenologie, Soziologie, sowie Psychologie zusammen und schreibt: “Wo zwischenmenschliche Begegnungen Halt und Sicherheit bieten sollen, scheinen die Bedingungen und Möglichkeiten, sich wirklich zu begegnen, erschwert.” Wie interessant, finden wir. Miriam hat sich darin mit dem Thema theoretisch an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit, Medien, Kultur im Studiengang Angewandte Medien- und Kulturwissenschaft beschäftigt. Wir gehen mit Miriam ins Gespräch.

Astrid: Wie blicken Sie heute, zwei Jahre nach der Masterarbeit, auf das Thema? Inwiefern hat sich seither Ihr Blick verändert?
Miriam: Ich erinnere mich an den Antrieb zu meiner Masterarbeit. Mich störte das Bild einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich in Alltagssituationen lieber mit ihrer digitalen Realität auseinandersetzen als mit den Menschen um sich herum, z. B. das Scrollen auf dem Handy in Bus und Bahn anstatt ein Gespräch mit der Sitzpartnerin zu führen. Irgendwie wollte ich zeigen, dass das Digitale das „echte“ Miteinander erschwert oder zumindest verändert.
Schon während meiner Arbeit hat sich diese etwas radikale Sichtweise erweichen lassen. Zum Beispiel durch die Information, dass das zugängliche Internet als Bedürfnis der Gesellschaft in unser Leben trat und von Akteuren eben dieser Gesellschaft erst ermöglicht wurde; um ein freieres offeneres und gegenseitiges Teilen von Informationen zu ermöglichen.
Was sich daraus entwickeln würde, war natürlich zu jener Zeit noch nicht einmal zu erahnen. Die Erforschung der Digitalität als Ganzes zeigt, wie diese menschliche Wahrnehmung verändert und wie sich dies auch auf das zwischenmenschliche Miteinander auswirkt. Hier weiter auszuholen wäre aufschlussreich, damit würde aber der Umfang dieser Antwort die Frage übersteigen.
Wie kommen wir mit echten Menschen noch klar?
Letztendlich ist eine Schlussfolgerung der Arbeit, dass die zwischenmenschliche Begegnung zu Zeiten von Digitalität zugleich vermeidbare Herausforderung als auch elementare Notwendigkeit ist. Wir müssen nicht mehr im direkten Austausch mit anderen stehen, um Informationen zu erhalten oder über uns selbst zu lernen.
Es gibt Technologien und Maschinen, die uns dabei unterstützen dürfen. Somit sind wir nicht zwingend auf andere Menschen angewiesen, wir können uns auch mit einem Bot unterhalten, Gemini unser Herz ausschütten, wir können KI jede beliebige Rolle geben, wir können uns die meisten Dinge nach Hause liefern lassen, remote arbeiten ist keine Ausnahme mehr. Und so weiter. Die Frage ist dann nur, wie kommen wir mit echten Menschen dann noch klar? Verlernen wir das soziale Miteinander? Und was passiert dann?
Heute denke ich irgendwie: zwischenmenschliche Begegnung ist mehr als ein Mittel zum Zweck. Sie ist eine Lebenseinstellung – wir haben, so sagt man, die (priviligierte) Entscheidungsmöglichkeit, unser Leben selbst zu gestalten.
Ohne Gegenüber geht es nicht als Soziale Wesen
Wir entscheiden, ob wir uns auf einer Parkbank mit einer fremden Person unterhalten oder ob wir mit einer KI diskutieren. Sicher ist: ohne ein Gegenüber geht es für uns Menschen als Soziale Wesen nicht.
Und ich persönlich empfinde vielleicht mehr als vor zwei Jahren, dass es in einer vielseitigen Welt wie heute – in der Meinungen, Herkünfte, Geschichten, Kulturen, Lebenswelten permanent aufeinandertreffen (können) – die Kriterien zwischenmenschlicher Begegnung (Wahrnehmung, Offenheit, Neugier, interaktive Kommunikation, Selbstreflexion, Empathie) das Fundament eines für mich sinnvollen Lebens sind. Denn so lernt es sich nie aus, es wird nicht langweilig und es eröffnet sich die Welt in ihrem Facettenreichtum und wir können wachsen, an all dem was wir nicht sind oder nicht kennen. 
Das Leben mit KI und die Auswirkungen
Astrid: Zunächst haben wir uns bei DeSefie verstärkt mit Bild und Abbild in Social Media beschäftigt, Menschen teilen sehr persönliche Erfahrungen oder stellen wissenschaftliche Erkenntnisse in ihren Artikeln vor. Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Leben mit KI verändert?
Miriam: Mit KI ist eine weitere Technologie entwickelt worden, die das Leben von Menschen einfacher machen soll und die Selbstermächtigung fördern soll. Gleichzeitig wird durch die Nutzung von KI eine Menge Verantwortung abgegeben. Wir können die Maschine für uns arbeiten lassen. Voraussetzung dafür ist, dass wir sie zu bedienen wissen. Ansonsten sind die Ergebnisse vielleicht sogar unzufriedenstellender, als wenn man selbst mehr Zeit in eine Aufgabe gesteckt hat.
KI verändert das menschliche Leben, weil es den Zugang zur Welt verändert. So wie andere Medien, von der Schrift, über das Buch, das Telefon, den Fernseher und das Internet; Sie kann in alle Lebensbereiche wirken und Anwendung finden. Also verändert sie das Leben der Menschen durch und durch, denke ich. Unabhängig davon, ob wir sie aktiv nutzen oder nicht.
Bereicherung und Einschränkung gleichermaßen
Wie genau sich das Leben verändert ist meines Erachtens schwer zu beantworten, da die Bewertung auf subjektive Erfahrungen beruht.
Für mich persönlich ist KI eine Bereicherung und Einschränkung. Bereicherung im Sinne von Effizienz (Zeit spraren, Aufgaben delegieren etc) und Einschränkung der eigenen Fähigkeiten. Ich mag es auch, selbst, Dinge zu durchdenken, zu gestalten und Lösungen zu finden, erwische mich aber dabei, wie ich mir Hilfe von einer KI hole, um schneller an mein Ziel zu kommen.
Anders gesagt: Ich kann mit KI viele Informationen in wenig Zeit einholen und auch verarbeiten, ich kann Dinge delegieren, die mir selbst schwer fallen oder keinen Spaß machen. Dabei muss ich aufpassen, dass ich die Faulheit nicht siegen lasse und auch Aufgaben übergebe, die ich in einem angemessenen Rahmen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis bringen kann, nur um schneller und leichter am Ziel zu sein. Wobei es doch auch einfach schön sein kann, wenn man abends nicht mehr aufstehen muss, um den Lichtschalter zu betätigen.
KI eher für Struktur als für Sprache
Astrid: Inwiefern würden Sie heute die KI noch mehr in das Schreiben Ihrer Arbeit integrieren oder nicht – und warum?
Miriam: Als ich meine Masterarbeit geschrieben habe, waren die KI gestützten Chat Bots noch in den Kinderschuhen. Es war relativ neu alles, zumindest für Privatpersonen. Ich habe überlegt KI in den Prozess meiner Arbeit zu intergrieren. Nach einiger Zeit des Abwägens habe ich mich dann dagegen entschieden, weil mir das gründliche Einarbeiten in das Bedienen von KI aufwendiger erschien als sich in einem mir sicheren Bereich zu arbeiten.
Wofür ich KI dann doch nutzte, war die Gliederung meiner Arbeit. Ich habe mich ziemlich schwergetan das Thema einzugrenzen und in eine gute Struktur zu bringen. Die Titel der Kapitel wählte ich allerdings selbst. Auch heute würde ich die Schreibarbeit selbst erledigen, weil ich den Prozess des Schreibens als sehr befriedigend empfinde. Wie Text entsteht und weiterentwickelt werden kann und auch das eigene Denken und die Haltung zu etwas verändert, das würde ich mir nicht nehmen lassen.
Die KI als Lektorat
Definitiv würde ich KI aber als Lektorat hinzuziehen. Ich habe für meine Masterarbeit wirklich zwei echte Menschen meine gesamte Arbeit lesen lassen. Das ist eine ziemliche Arbeit und macht heute wahrscheinlich wirklich niemand mehr. Auch die Recherchearbeit war sehr umfangreich und teilweise anstrengend. Trotzdem würde ich diese Aufgabe nicht einer KI anvertrauen, da die Auswahl von Texten eine sehr persönliche ist. Ich könnte mir aber vorstellen mir Ideen oder Anregungen von KI geben zu lassen.
Astrid: Was beschäftigt Sie heute in Ihrem beruflichen Tun und welchen Stellenwert haben darin Selbstreflexion und Digitalität?
Miriam: Ich arbeite als bei einem Personaldienstleister im Bereich des internationales Recruitings und manage mehrere Kundenprojekte gleichzeitig bzw. parallel. Wir arbeiten in einem kleinen Team, wobei jedes Mitglied zwar seine eigenen Projekte verantwortet, aber man sich gegenseitig sehr unterstützt.
Selbstreflexionskompetenz als Kern von Zusammenarbeit
Digitalität hat einen großen Stellenwert, denn wir arbeiten remote und zum Teil über eine unternehmensinterne App zusammen. Digitalität macht das kollaborative Arbeiten über räumliche Distanz möglich. Und auch Arbeitsprozesse mit Behörden und insbesondere auf internationaler Ebene sind da natürlich eingebunden.
Selbstreflexion hat immer einen Stellenwert. Ich bin hier in ein berufliches Feld – das Gesundheitswesen – eingestiegen, mit dem ich zuvor wirklich gar keine Berührungspunkte hatte. Nur durch das Lernen von meinen Kolleginnen (und natürlich deren Bereitschaft und Offenheit mich zu lehren) ermöglichte mir mein Wachstum durch diesem Berufseinstieg.
Sich immer wieder in Beziehung zu setzen zu seiner Umgebung und seinen Mitmenschen. Das Zurückwerfen auf sich selbst, in sich gehen, eigenes Handeln und Verhalten überdenken und die Bereitschaft sich zu ändern, anzupassen oder weiterzuentwicklen – diese Schritte der Selbstreflexion sind meiner Meinung nach immens wichtig, um in einem Team erfolgreich zusammenzuarbeiten.
Über die Autorin
Miriam Sandleitner hat sich in ihrer Masterarbeit, die frei zugänglich ist, mittels Literaturanalyse dem Thema interdisziplinär angenähert, “um das möglichst umfangreiche Forschungsfeld zu erfassen.” Sie trägt Erkenntnisse der Philosophie, Anthropologie, Phänomenologie, Soziologie, sowie Psychologie zusammen und schreibt: “Wo zwischenmenschliche Begegnungen Halt und Sicherheit bieten sollen, scheinen die Bedingungen und Möglichkeiten, sich wirklich zu begegnen, erschwert.”
Unter diesem Link hier ist die Arbeit frei zugänglich einsehbar.