Eine persönliche Reflexion über gutes Essen und die Kultur der Dankbarkeit

Johanna Jacobi ist eine Theaterkünstlerin und Wortschmiedin aus London und dem Fünfseenland. Gutes Essen und die Verwurzelung im Kreis der Jahreszeiten macht sie glücklich – und führt sie immer wieder zu neuen Perspektiven. Im Herbst erlebt sie aufs Neue, dass resolute Dankbarkeit stärker ist als Hoffnungslosigkeit.

Eine sehr persönliche Reflexion über die Kultur der Dankbarkeit.

Weitere Artikel in unseren Jahreszeitenzyklen finden Sie hier, zu Frühling und Sommer.

 

Der Sommer vergeht in einer Gaukelei der Endlosigkeit. Die Zucchinis blühen und wachsen wochenland immer wieder, das Wetter bewegt sich in seinen eigenen merkwürdigen Mustern, ich beobachte den Mond und sehe wie drei Zyklen ins Land ziehen. Das Land verändert sich langsam aber stetig, für meine untrainierten Sinne was unmerklich, bis eines Tages die Abendsonne eine andere Qualität hat, die Nächte nicht noch einmal lau werden. Plötzlich ist die Luft satt von Insekten, die Spinnen halten über Nacht im Bad Einzug und weben in Wald und Wiesen Netze, an denen morgens glitzernde Juwelen aus Tau hängen. Auf dem Bauernmarkt gibt es jetzt beinahe alles: Trauben, neue Kartoffeln, sieben Sorten Kohl, Pilze, Knoblauch, Paprika, Tomaten, Bohnen, Kürbisse: Butternuss, Hokkaido, Spaghetti, und weitere mir unbekannte Sorten.

Fülle und Hunger

Ein gewisser Nestbauinstinkt setzt bei mir ein: Tomaten einkochen kriege ich noch hin, aber am liebsten würde ich große Ausmistaktionen veranstalten, eine Speisekammer bauen, Holundersaft abfüllen, Quittengelees und Apfelmus kochen, Feste planen. Auch wenn ich nur einen Bruchteil davon erledige bereitet mir diese Zeit große Freude und Dankbarkeit. Wieviel Zusammenarbeit und Glück nötig waren, um diese reiche Ernte zu bescheren! Wie schrecklich es ist, wenn trotz aller Arbeit die Ernte ausfällt.

Alles was wir essen, ob nun regional, saisonal, bio oder nicht, ist hart erarbeitet. Wer sind die Menschen, die diese Arbeit für uns tun, die eine für unser Überleben unabdingliche Arbeit? Sarah Langford betont in ihrem Buch Rooted: How Regenerative Farming Can Change the World, dass Bauer oder Bäuerin zu sein nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Identität.

Eine Identität, deren Moral und höchster Wert darin bestehen, die Welt zu ernähren. Für Sarahs Onkel Charlie heißt das eben, unter Einsatz aller Mittel so viele Nahrungsmittel zu produzieren, wie er kann: das war das Ziel und der Auftrag der sogenannten „grünen“ Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ja, ein großer Teil der Ernte wird nie die Menschen erreichen, die am meisten Not haben, sondern weggeworfen werden. Aber die Landwirte erfüllen ihren Teil der Abmachung, deren Ziel sein sollte, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren (Langford, 2023). Sie fliegen nicht jährlich lange Strecken zu sonnigen Urlaubszielen, aber ich muss zugeben, dass ich ihnen zu oft eine disproportionale Schuld für die von unseren Steuergeldern subventionierten Umweltsünden zugeschoben habe.

Heimat – Kultur der Dankbarkeit?

Sie haben einen Bezug zum Land, den die meisten von uns niemals verstehen werden. Andererseits haben auch wir  über unsere Nahrungsmittel eine Beziehung zu dem Land, welches sie hervorbringt. Und auch zu den Orten, wo wir leben, zu welchen wir zu unterschiedlichen Graden Zugang haben. In Fußnähe meines Wohnortes weiß ich wo Haselnüsse, Brombeeren, Himbeeren, Brennnesseln, Bärlauch, Schlehen und Holunder wild zu sammeln sind. Im Garten meiner Familie darf ich beim Anbau von Gemüse teilnehmen und mitentscheiden, welche Obstbäume gepflanzt werden sollen. Das ist mehr, als den meisten meiner Mitmenschen hier möglich ist.

Aus Jahren in der Großstadt weiß ich auch, dass wirkliche Verbundenheit zur Natur nicht theoretisch, nicht durch schöne Gartenmagazine, Philosophie, oder Videos erreicht werden kann. Es gibt kein Nahrungsergänzungsmittel, welches die Beziehung zur lebendigen Welt ersetzt, keine Hormontablette, die die Auswirkung natürlicher Rhythmen auf unseren Organismus und unsere Psyche simulieren kann.

Gemeinschaft und Bewusstsein

Die Nächte werden jetzt schnell länger. Ich bin nicht die einzige, die an Wintervorräte denkt: überall sind Eichhörnchen zu sehen, die ihre herbstlichen Aufgaben mit der Effizienz einer berufstätigen Mutter im Vorweihnachtsstress erledigen. Ich mache mir Sorgen, weil sie ständig über die Straße rennen – die Baumkronen sind bei uns zu weit voneinander entfernt. Am 29. September ist Michaelis, in England traditionell der letzte Tag um Brombeeren zu sammeln. Am 1. Oktober wird in den Kirchen Erntedank gefeiert.

Früher waren wir immer dort, mit allen Kindern aus meinem Kindergarten, aber ich erinnere mich erst nachmittags was für ein Tag heute ist, als wir bei einer alten Familienfreundin Apfelkuchen essen. Mindestens genau so stark wie die Kirchengemeinde in der ich groß geworden bin, erinnert sie mich an die Kraft von Gemeinschaft, die sie ihr Leben lang gefördert hat. Es ist ein Erntedankfest im kleinen Kreise, aber es hat eine stille Kraft, und immer wieder kommen wir darauf zu sprechen, wie dankbar wir sind für den Garten, die Sonne, die frische Luft.

Und das fällt mir in diesen drei Tagen wieder die ganze Zeit auf: wie dankbar ich mich fühle für die Zutaten in meinem Topf, wie viel Freude mir das Kochen und die bewusste Beschäftigung mit diesen Mahlzeiten bereitet. Für die meisten Deutschen sind mehrere Mahlzeiten am Tag zum Glück selbstverständlich und ich weiß, sie in der alltäglichen Eile nicht wertzuschätzen.

Für mich sorgen die paar Gramm extra Ruhe und Aufmerksamkeit für sättigende Dankbarkeit. Die hat auch nicht den emotionalen Ton von einem: „jetzt sei aber auch mal dankbar“ oder „hier wird nichts weggeworfen, andere Kinder verhungern!“.

Unverdiente Gnade

Es ist eine freudige Dankbarkeit, die noch dadurch vergrößert wird, dass die Gnade dieser Ernte immer und ewig unverdient bleibt: Ich habe ja keine moralische Überlegenheit gegenüber anderen Menschen, die nicht genug zu essen haben. Auch wenn ich meine Seite der Abmachung mit meinen Zucchinis einhalte, indem ich sie gieße, von Schädlingen befreie, ihre Samen sammle und wieder pflanze, die Erde pflege und Bestäuber in ihrer Nähe unterstütze, kann ich von ihnen nicht erzwungenermaßen Wachstum einfordern. Und mein Einfluss auf das Wetter beschränkt sich auf individuelle Klimaschutzmaßnahmen.

Meine Dankbarkeit führt nicht zu einem lähmenden Schuldgefühl, welches mich zu Buße und Armut verpflichtet. Diesen Weg könnte ich einschlagen. Aber wieso, wenn die schiere Freude an der lebendigen Welt und ihren Geschenken mir ein maßvolles und engagiertes Leben zum Wunsch macht? Da sind Schuldgefühle unnötig – in Dankbarkeit geschehen solche Entwicklungen aus eigener Motivation. Und wenn es auch selten mühelos ist, Lebensweisen und Erwartungshaltungen zu verändern, wird die Wahl zwischen Freude und Verzweiflung an so einem Erntedanktag ganz einfach.

Kultur der Dankbarkeit

Dankbarkeit inspiriert auch Großherzigkeit. In Geflochtenes Süßgras teilt die Potawatomi-Biologin Dr. Robin Wall Kimmerer die Übersetzung der Worte, die vor allen anderen kommen – die traditionelle Danksagung der Onondaga. Sie ist sowohl Dank an die lebendige Welt, als auch eine Aufzählung der natürlichen Elemente und Arten, und unserer Beziehung zu ihnen. Ihr Funktion ist vielfältig.

Dr. Kimmerer wollte in ihrem Buch nicht teilen, was ihr nicht zustand, aber wenn sie bei Mitgliedern der Konföderation nachfragte, bekam sie gesagt, dass diese Worte ein Geschenk der Haudenosaunee an die Welt seien: Wenn mehr Menschen sie in den letzten Jahrhunderten geehrt hätten, seien wir jetzt nicht in solchen Schwierigkeiten (Kimmerer, 2021, 125-139).

Ich habe dann auch reflektiert, was dieses Element der Haudenosaunee Kultur anders macht, als die vielen Arten, auf denen man in eurozentrischen Kulturen in den letzten Jahren angefangen hat, sich Traditionen aus indigenen Kulturen auszuleihen, für deren Pflege indigene Menschen über Jahrhunderte misshandelt und ermordet worden sind und gegen deren Aneignung diese sich (zu Recht) wehren. Erstens natürlich, dass die Danksagung ein Geschenk ist: freiwillig gegeben. Zweitens, überlege ich, eignet sie sich dazu, weil sie niemals an Kontext oder Bedeutung verliert.

Wir sind als Menschen an die gleichen universellen Gegebenheiten gebunden wie der Rest der lebendigen Welt, ob wir es akzeptieren wollen oder nicht. Die Worte der Danksagung haben Kraft: Man kann sie schwer sprechen oder hören oder sogar lesen, ohne sich ihrer Implikationen bewusst zu sein – sie zeigen unsere Zusammenhänge und Pflichten auf. In Gemeinschaft gesprochen erden sie uns in einer einvernehmlichen Realität, welche uns heutzutage zunehmend zu entgleiten scheint. Wenn ich sie „alleine“ betrachte macht sie mich weniger einsam: now our minds are one. Es findet überall und ständig um mich herum Leben statt, mit dem ich mich in Beziehung befinde.

Hybris und Mut

Je mehr ich mich mit regionaler Ernährung beschäftige, desto stärker werden einerseits meine vorstädtischen Selbstversorgungsfantasien: ein eigener Obst- und Gemüsegarten, Knoblauch, vielleicht ein Nektarinenbäumchen, das ich ja drinnen überwintern könnte, Fensterbretter voll von Kräutern, ein Heim mit Walnussbaum. Aber ich stoße auch an die Grenzen dieser Vorstellung. Ohne Gemeinschaft und richtig gute solidarische Organisation auf lokaler Ebene funktioniert all das nicht, auf das ich mich in meinen Einkaufsgewohnheiten mehr und mehr verlasse.

Und ich wäre gerne ein größerer Baustein in diesem System. Das heißt, mich politisch mehr einzubringen. Ich kann mich selbst nicht leiden, wenn ich auf „die Politik“ wettere, aber noch nie bei einem Bürgergespräch gewesen bin. Und um auf die Rhythmen der Natur zurückzukommen:

Wenn man zyklisches Bewusstsein nach dem Schema der Red School (Hugo Wurlitzer & Pope, 2017) praktiziert, ist der innere Herbst des weiblichen Zyklus die ideale Zeit, um sich den unangenehmen Wahrheiten zu stellen – aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass mich meine Hormone sozusagen automatisch in den Konfrontationsmodus versetzen, und dass ich das inzwischen richtig gut und wichtig finde.

Jetzt merke ich, dass der äußere Herbst ja das gleiche verlangt: sich zu überlegen, was man wirklich braucht, um gut über den Winter zu kommen, und was man lieber im alten Jahr zurücklassen will. Und welche bessere Zeit als Halloween gibt es, um sich dem Spuk unserer abgekoppelten, realitätsfernen Gesellschaft zu stellen. Schließlich ist Kimaschutz nicht niedlich, oder idealistisch, oder ein cooles Hobby, sondern die Voraussetzung für eine lebensfähige Zukunft.

Great – again?

A society grows great when old men plant trees under whose shade they know they’ll never sit. Ein Spruch, den es in so vielen Ausführungen und Kontexten gibt, dass sich im Internet zwar niemand auf die Herkunft, aber viele auf seine Gültigkeit einigen können.

Vielleicht sollte ich also einen Walnussbaum pflanzen, auch wenn die Nachmieter mehr davon haben werden. Wie auch auf der Fassade des Hofes in Dörte Hansens Altes Land geschrieben steht: „Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt nennt ook noch sien.“ (Hansen, 2015).

Kultur der Dankbarkeit heißt: Wir sollten wir nicht nur für unsere Generation denken, nicht nur für die nächste, sondern mindestens für die nächsten sieben. Wir halten uns in unserer Lebensweise ja immer auch an Identitäten fest: Wer bin ich, wenn ich es so und so mache? Wer will ich sein  – und wer nicht? Kultur der Dankbarkeit hießt auch zu reflektieren: Vielleicht wollen wir nicht der Verlierer sein, nicht  ein „verrückter Hippie“, nicht „so ein realitätsferner Großstädter“, und immer so weiter… aber können wir uns nicht darauf einigen – auch die von uns, die keine eigenen Kinder haben oder haben wollen – dass wir gute Ahnen für die Nachfahren unserer lebendigen Welt sein wollen?

Ich kann darin Dankbarkeit, Gemeinschaft, Sinn und Freude finden, und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als das alles mit euch allen zu teilen.

Anmerkung: Die Zutaten sind alle aus regionalem oder zumindest bayerischem (und ganz manchmal deutschem) Anbau, bis auf Pfeffer. Ohne Pfeffer komme ich beim Kochen noch nicht aus. Ich freue mich über Kommentare mit Vorschlägen zu schmackhaften Alternativen…

Mit besonderem Dank an alle, die mit Großherzigkeit und Mut Beziehungen zwischen Land und Leuten bewahren.

Quellen zur Kultur der Dankbarkeit

Fotos: alle Johanna Jacobi

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Hansen, D. (2015) Altes Land. München: Albrecht Knaus Verlag.

Hayes, N. (2021) The Book of Trespass. London: Bloomsbury.

Hugo Wurlitzer, S. & Pope, A. (2017) Wild Power. London: Hay House.

Kimmerer, R. (2021) Geflochtenes Süßgras. Berlin: Aufbau Verlage.

Langford, S. (2023) Rooted: How Regenerative Farming Can Change the World. Dublin: Penguin Random House.

Saladino, D. (2022) Eating to Extinction: The World’s Rarest Foods and Why we Need to Save Them. UK: Penguin Random House.

Schrot&Korn (2022) Bio-Honig: Was macht den Unterschied? Aschaffenburg: bio verlag gmbh. Available from https://schrotundkorn.de/essen/bio-honig#ist-honig-gesund [accessed 30 June 2023].

Tree, I. (2018) Wilding. London: Picador.

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