Eine These von Hirnforscher Gerald Hüther lautet: Menschliche Gehirne verbrauchen so wenig Energie wie möglich.

Und am wenigsten Energie verbraucht ein Gehirn dann, wenn alles passt. Also lassen wir gerne alles beim alten. Bloß keine Veränderung. Auch wenn wir vielleicht spüren, dass Veränderung nicht schlecht wäre. Solange alles nach Schema F ganz gut läuft, wenn wir kein mulmiges Gefühl haben oder schlechtes Gewissen – prima für den Energiehaushalt.

So ist das nämlich mit Veränderungen. Die brauchen viel Energie und weil das für das gesamte System eher aufwändig ist, verändern wir Menschen uns nicht so gerne. Es muss sich schon lohnen. Eines meiner persönlichen Lieblingsbücher von Gerald Hüther ist “Etwas mehr Hirn, bitte” aus dem Jahr 2015 (erschienen bei V&R). Ich habe mehr als 30 Post-Its verklebt, die auf interessante Stellen hinweisen.

Was genau?

Worum es geht? Zusammengefasst in einem Satz: Wer sich weiterentwickelt und kooperiert, hat mehr vom Leben. Denn dann passt alles, der Energiehaushalt stimmt. Die Wissenschaftler nennen das Kohärenz. Eine meine Lieblingsstellen lautet:

“Über sich selbst nachdenken und dabei zu gewissen Erkenntnissen kommen, kann nur jemand, der das auch will. Der Freude daran hat, etwas über sich selbst zu erfahren, den es interessiert herauszufinden, weshalb er so denkt, fühlt und handelt, wie er es tut, der ergründen will, wie all diese neuronalen  Netzwerke in seinem Hirn entstanden sind, die seine Vorstellungen, seine Überzeugungen und seine inneren Einstellungen bestimmen.” (S. 34)

Warum DeSelfie? 

Wenn es um Veränderung in der Arbeitswelt geht, wird oft vom digitalen Wandel gesprochen. Aber was wir Menschen dafür konkret in uns selbst bilden sollten, wissen viele nicht. Auf jeden Fall mit dabei: Gelassenheit, Kritikfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Veränderungsbereitschaft. Und Menschen, die sich ihrer (Handlungen) selbst bewusst sind.

Der Wandel unserer Zeit scheint einen ständigen Anpassungsprozess der Menschen zu erfordern. Wir müssen immer öfter ausloten, ob und wie wir unsere Herausforderungen schaffen können oder wollen. Wenn man das dann gut kann, hat man laut Gerald Hüther “Energiekompetenz”. Er sieht weiter eine der Herausforderungen darin, das Dilemma zwischen der Sehnsucht nach Verbundenheit und der Idee von Freiheit zu lösen.

Sonst interessant? 

Gerald Hüthers Buch “Raus aus der Demenz-Falle” (2017) geht dann noch einen Schritt weiter und beschreibt, warum es als Fazit für das eigene Leben ganz sinnvoll ist, selbst Gestalter zu sein. Passend dazu auch ein Zitat aus einem Interview mit Gerald Hüther, das sich auf das Arbeitsleben bezieht (Manager Magazin, 2016)„Nur wenige erleben sich zeitlebens als Gestalter ihres Lebens. Interessanterweise sind das nicht diejenigen, die sich ständig anstrengen, um möglichst gut zu funktionieren, die alles im Griff haben und kontrollieren wollen. Es sind eher diejenigen, die in sich ruhen und mit fast spielerischer Leichtigkeit all das erreichen, worum die anderen so verbissen kämpfen. Es sind all jene Personen, die sich ihrer selbst bewusst sind und die Kraft haben, andere einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, die also anderen die Erfahrung ermöglichen, sich als Subjekte gesehen und wertgeschätzt zu erleben.“

 DeSelfie heißt: Sich selbst auf der Spur sein.