Der ursprüngliche Artikel: https://www.deselfie.de/nachhaltigkeit/

Zeit für Innenschau – mit Stift und Papier (Foto: Patricia Theren)
In dieser Rubrik geht es um die Reflexion von Reflexion. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Die Frage, die im Zentrum steht, lautet: Wie blickst Du heute auf Deine damaligen Gedanken, die Du in Form eines Artikels auf DeSelfie geteilt hast? Hier in diesem Dialog spannen wir den Bogen und fragen die AutorInnen: Und heute so?
Damals schon haben sie versucht, sich in Form eines “DeSelfies”, so nennen wir die persönlichen Erfahrungsberichte, auf die Spur zu kommen. In Lena M. Kaufmanns Fall drehten sich die Gedanken 2022 rund um Selbstreflexion und Nachhaltigkeit. Ein Blick zurück und nach vorne.
Äußere Transformation braucht innere Transformation
Astrid: Liebe Lena, mehrere Jahre später blicken wir nun zurück auf Deinen Artikel. Danke für Deine Zeit. Damals reflektierst Du über Nachhaltigkeit und die Rolle von Selbstreflexion. Wie geht es Dir selbst beim Wiederlesen?
Lena: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich damals beim Schreiben des Textes gefühlt habe. Da war diese große Dringlichkeit in mir: Ich spürte, dass etwas grundsätzlich schief läuft, war aber erst langsam dabei, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Der Artikel bei DeSelfie war damals auch für mich eine Möglichkeit für Selbstreflexion, das Sortieren meiner Gedanken und meines Wissens.
Ich bin auf der einen Seite überrascht, dass ich dem Meisten heute so noch zustimmen würde. Gleichzeitig bin ich mittlerweile Wissenschaftlerin in genau diesem Bereich und muss fast schmunzeln, dass ich damals dachte, die Lösung sei so einfach greifbar. Es ist alles doch weitaus komplexer. Aber prinzipiell gehe ich total mit: Äußere Transformation braucht innere Transformation.
Lebendige Wesen sein in einer komplexen Welt
Astrid: Du schreibst damals: „Herausfordernde Situationen wie die Klimakrise lösen emotionale und kognitive Reaktionen aus. Es ist wenig verwunderlich, dass Menschen sich im Angesicht der globalen Herausforderungen erst einmal ohnmächtig und hilflos fühlen.“ Wie empfindest Du das heute? Was ist gleich geblieben? Was hat sich verändert?
Lena: Wir – vor allem im globalen Norden – leben in einer unnatürlichen Trennung von unserer Mitwelt. Für das Verarbeiten und Auseinandersetzen mit der Welt und ihrem Zustand ist es deshalb wichtig, nicht nur darüber nachzudenken, sondern auch andere Wahrnehmungskanäle anzuzapfen: somatisch, emotional und relational. Wenn wir gemeinsam an einer besseren Welt für alle arbeiten wollen, erfordert das einen Paradigmenwechsel, eine andere Art mit der Welt in Kontakt zu sein.
Im Artikel taucht das Wort “systemisch” schon auf: Es geht darum, uns als lebendiges Wesen in einer komplexen, sich ständig verändernden, miteinander verbundenen Welt wahrzunehmen. Und da ist es ganz besonders wichtig, für diese oft als “negativ” bezeichneten Gefühle wie Schmerz und Angst Raum zu haben.
So viele Facetten und die Frage: Wofür soll KI genutzt werden?
Astrid: Nun hat inzwischen KI in unser aller Leben Einzug gehalten. Wie wirkt sich das auf Deinen Blick in Richtung Nachhaltigkeit aus?
Lena: Puh, das ist eine große Debatte, zu der ich noch keine finale Meinung habe und in der ja auch ständig neue Erkenntnisse und Studien publiziert werden. Auch hier gilt: Das Thema ist komplex. Soziale Gerechtigkeit und Transparenz, Ressourcenabbau und Energieverbrauch – es gibt so viele Facetten, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir KI verantwortungsvoll einsetzen wollen. Die Frage ist immer: Für was soll die KI genutzt werden?
Eine klare Werteorientierung hilft hier weiter. Prinzipiell sollten sich Unternehmen und Einzelpersonen bewusst mit Chancen, Risiken und offenen Fragen auseinandersetzen – das machen wir auch gerade in unserem Team bei re:connect. Wie im Fall der Nachhaltigkeit dürfen wir aber nicht nur im Kleinen schauen: Es braucht politische Regulierungen und Rahmenbedingungen.
Wofür dieser große Ressourcenverbrauch?
Astrid: Worin siehst Du Reflexionspotenzial für uns Menschen, wenn Du über die Nutzung oder Nicht-Nutzung von KI nachdenkst?
Lena: Wir sollten uns immer fragen, ob die Aufgabe, die wir vor uns haben, diesen enormen Ressourcenverbrauch rechtfertigt. Ich habe einmal den schönen Vergleich gehört: “Man würde ja auch nicht mit dem Düsenjet zum Brötchenholen fliegen”. Außerdem müssen wir uns bewusst machen, dass die KI oft objektiver wirkt, als sie tatsächlich ist: Sie lernt von menschengemachten Daten und kann so auch implizite Vorurteile oder offen diskriminierende Entscheidungen übernehmen.
Vor allem in meinem Arbeitsbereich, wo es um neue Lösungen geht, wäre es daher fatal, sich nur auf die “alten” Logiken zu verlassen. Genau hier braucht es viele Menschen mit ihrer kollektiven Intelligenz – KI.

Kollektive Intelligenz: Gemeinsam spüren, denken, lösen (Foto: Gulliver Theis)
Künstliche Intelligenz ist nicht gleich Kollektive Intelligenz
Astrid: Stell Dir vor, Du würdest heute und nicht vor einigen Jahren diesen Artikel schreiben: Iniwiefern würdest Du KI dafür verwenden?
Lena: Ich habe im vergangenen Jahr viel mit KI ausprobiert und geschaut, wie sie meinen Arbeitsalltag verändert. Durch die Unterstützung von KI konnte ich viel schneller Ergebnisse liefern. Aber waren sie wirklich besser? Das bezweifle ich mittlerweile. Vor allem beim Schreiben von Texten ist es wichtig, einen roten Faden zu haben, klar zu argumentieren, schnell auf den Punkt zu kommen und sich zu fragen: Worum geht es mir gerade?
Die KI tendiert dazu, wenige Worte mit viel heißer Luft aufzublasen. Mittlerweile merke ich, dass meine Texte mit menschlicher Intelligenz sprachlich wärmer, gehaltvoller und besser verständlich sind. Wobei mir die KI hilft? Vor dem eigentlichen Schreibprozess meine Gedanken zu sortieren – also als eine Art Sparringspartner im Brainstorming zu fungieren. Vor allem im einsamen Homeoffice ist das echt hilfreich.
Hin und wieder bewusst aus der künstlich beschleunigten Welt aussteigen
Astrid: Wie gut gelingt es Dir, Dich heute im Hier und Jetzt zu verankern und was tust du dafür?
Lena: Ich versuche, bewusst aus dieser künstlich beschleunigten Welt auszusteigen – immer mal wieder. Ich möchte mir mehr Zeit nehmen für einzelne Aspekte meines Lebens. Ich plane mehr Zeit ein, um zum Beispiel zum Bahnhof zu laufen. Ich habe Instagram von meinem Handy gelöscht und frage mich statt des automatisierten Griffs zum Handy jetzt “Was brauche ich gerade?” Ich lebe mehr im Einklang mit meinem Menstruationszyklus.
Das heißt, ich bin mir bewusster, in welcher Phase ich gerade bin, was das für mich persönlich bedeutet und wie ich meinen Alltag entsprechend gestalten sollte. Und auch hier: Ich versuche die Welt und mich darin, nicht nur mit dem Kopf zu verstehen, sondern vertraue auch mehr auf meine Intuition und Gefühle.

Teilnehmende des re:connect Inkubators beim morgendlichen Tai Chi (Foto: Patricia Theren)
Regenerative Nachhaltigkeit: Mehr zurückgeben als man nimmt
Astrid: Deine Arbeit dreht sich um “regenerative Nachhaltigkeit” – vor allem im Unternehmenskontext. Was hat es damit auf sich und wie hängt das mit dem bisher besprochenen zusammen?
Lena: Im Angesicht des Zustands der Welt reicht Nachhaltigkeit – also die Netto-Null – nicht mehr aus. Inflation, Burnout, Krieg, Hitzewelle, Flutkatastrophen – das alles hängt ja zusammen. Bei regenerativer Nachhaltigkeit geht es deshalb darum, “mehr zurückzugeben als man nimmt”. Aber auch hier greift diese Zusammenfassung wieder zu kurz. In der Zusammenarbeit mit Unternehmen merke ich immer mehr:
Die Basis bildet ein systemisches Weltbild – also genau das, was ich vorhin schon angesprochen habe. Es geht darum, alte Glaubenssätze darüber, was z.B. Erfolg ist, zu hinterfragen und Grundannahmen zu entwickeln, die lebensdienlich sind.
Selbstreflexion spielt eine große Rolle
Wie du merkst, spielt Selbstreflexion dabei eine große Rolle. Denn die bisherigen Herangehensweisen haben uns ja in diese Lage gebracht. Was wir als Mitarbeitende, Unternehmer:innen und Mitglieder der Gesellschaft brauchen, ist Demut und die Bereitschaft, Schädliches zu verlernen – und dann Offenheit und Mut, Dinge auszuprobieren und auch zu scheitern.
Wir müssen kooperieren, verschiedene Perspektiven einladen, um dann gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die für alle besser sind. Dafür gibt es kein Patentrezept, aber ich erforsche, welche Muster sich zeigen und welche Bedingungen hilfreich sein könnten.

Autorin: Lena M. Kaufmann
Lena M. Kaufmann verfasste 2022 Artikel für die DeSelfie-Redaktion und hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass DeSelfie heute das ist was es ist. Heute ist sie wissenschaftliche Transfermanagerin am REGWI Institut für regeneratives Wirtschaften, promoviert an der Bergischen Universität Wuppertal und begleitet Menschen und Organisationen im re:connect Inkubator auf dem Weg in eine regenerative Zukunft.
Weiterführende Links:
LinkedIn von Lena: www.linkedin.com/in/lena-m-kaufmann-regenerativ
Wissenschaftliches Paper (englisch) zum aktuellen Stand der Forschung (2026) über regenerativen Unternehmen: Hier zu lesen.
Deutsche Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse für Unternehmen: Auch hier folgt der Link.
Das Mitmachbuch „Vom individuellen und kollektiven Bewusstsein zum regenerativen Handeln” (kostenlos zum Download) bietet eine praxisnahe Einführung in das regenerative Wirtschaften: https://www.fivep.org/mitmachbuch/
Jana Piske (2025): Ethische KI – Ein Einstieg in ein großes Thema https://www.fairlinked.org/ethische-ki-ein-einstieg-in-ein-grosses-thema/
PlattformCoops (2026): Im Düsenjet zum Brötchenholen https://platformcoops.de/im-duesenjet-zum-broetchenholen/
Das REGWI Institut für regeneratives Wirtschaften: https://www.regwi.org/
re:connect Inkubator für regeneratives Wirtschaften: https://www.reconnect-inkubator.org/