Ein Porträt über Heinz von Foerster

An dieser Stelle würdigen wir die Arbeit bereits verstorbener Persönlichkeiten, die wertvolle Puzzlesteinchen zu jenem Bild geliefert haben, das uns heute helfen kann, unseren Wertewelten, Problemsichten und Lösungsversuchen näher zu kommen. Wissenswertes über Kybernetik und Konstruktivismus. Ein Essay über Heinz von Foerster. Für Langsam-Leser.

Ein moderner Denker, der seiner Zeit voraus war

Es wäre vermessen, zu behaupten, ich wäre Kennerin von Heinz von Foerster. Zunächst begegnete er mir in Form komplizierter Aufsätze in einer philosophischen Vorlesung, die ich Anfang der Neunziger Jahre besucht hatte. Als Kommunikationswissenschaftler konnte man an der Universität Salzburg dort Wahlvorlesungen besuchen – eine Art Ergänzung im Geiste der Interdisziplinarität. Foerster wurde dort in Verbindung mit Ludwig Wittgenstein genannt, als eine Randnotiz behandelt und seine Überlegungen zur Kybernetik erschienen mir schwer zugänglich. Was ich begriff, war, dass es sich um die Steuerung von Systemen handelte und es steuerbare und nicht-steuerbare davon gibt.

Systemische Theorie? Es gibt viele Strömungen

So richtig beschäftigt habe ich mich mit der Person Heinz von Foerster (1911-2002) erst während meiner Lektüre zur Systemischen Theorie, beeinflusst von kommunikationstheoretischen Überlegungen Paul Watzlawicks. Immer wieder tauchte dort das Bild auf, für das von Foerster – sicher ein sehr reduzierter Blick – bis heute steht: die „Teil-der-Welt-Haltung“, die nicht nur für Berater essentiell sein sollte. Außerdem zentral ist seine Idee des ethischen Imperativ, in dem er Kant umformulierte „handle stets so, dass die Anzahl Deiner Wahlmöglichkeiten (und die Deiner Mitmenschen) größer wird“.

Haben wir heute vielleicht zu häufig die Wahl?

Nun, in einer Zeit, in der die Wahlmöglichkeiten für viele unter uns immer größer zu werden scheinen, wäre eine Fortführung dieser Ideen hilfreich. Was, wenn die Wahlmöglichkeiten groß sind, jedoch die Rahmen, in derer die Wahlmöglichkeiten zu treffen sind, nur scheinbar wählbar sind und die Entscheidungskraft jedes einzelnen zu sinken scheint? Fallen nicht alle Möglichkeiten auf das Vermögen oder Unvermögen des einzelnen und der Gruppe zurück? Was bleibt, ist die Verantwortung, die wir für Entscheidungen übernehmen müssen. Eigenverantwortung und Individualität – ein ungleiches Begriffspaar? Das ist es, was uns, nach Foerster „nicht-triviale Maschinen“, von der Trivialität der mechanischen Berechenbarkeit unterscheidet. Foerster würde vielleicht sagen, das Prinzip der Selbstorganisation würde es richten.

Zaubern – oder: die Wirklichkeit in Frage stellen

Das besondere an seiner Arbeit ist für mich, dass von Foerster sich mit unterschiedlichen Disziplinen beschäftigte und zu einer Zeit den Bogen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften schlug, in der das undenkbar schien. Und, dass er scheinbar bewiesene Theorien ein Lebenlang infrage stellte. Er beschäftigte sich mit Physik und Mathematik, mit Biologie, Neurologie und mit Kommunikationstheorie und künstlicher Intelligenz. In seiner Jugend zauberte er gern.

Auflösen der Grenzen

Was mir gleich an ihm gefiel ist, dass er immer wieder versucht hat, die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen aufzulösen. Und dass aus seinen Erzählungen häufig eine gute Portion Humor herauszulesen ist, viele Geschichten, wie zum Beispiel jene, in der er seine Frau kennenlernte – er machte für sie einen Handstand – lassen vermuten, wie besonders seine Haltung dem Leben und der Lehre gegenüber war. Heute denke ich, dass er einen viel größeren Platz in Studium und Forschung zu Cultural Studies und Medienrezeption einnehmen sollte. In der Managementtheorie ist das bereits in weiten Teilen gelungen. In der Kommunikationswissenschaft kann ich bis heute eher selten Verweise auf Kybernetik und Konstruktivismus finden.

Wären wir nicht alle kreativer – ohne “Wahrheit”?

Vor allem von Foersters Wahrheitsbegriff („Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners!“), also die Überlegung, dass es keine allgemeingültigen Wahrheiten geben könne, erfordert, dass Menschen sich ihre eigenen Wahrheiten bewusster werden sollten. Wer von „Wahrheit“ spricht, macht sein Gegenüber direkt oder indirekt zum Lügner. Natürlich sind wir alle von Wahrheiten geprägt, jenen unserer Erziehung, unseres engsten sozialen Umfelds, unserer gesellschaftlichen Strukturen, der medialen Vermittlung, unseres Interagierens mit dem Außen. Wenn wir es mit von Foersters Augen sehen, würde das bedeuten, dass wir mehr ausprobieren, mehr wagen, kreativer sein könnten, als wir es glauben, fröhlicher und optimistischer durch Leben gingen, wenn der eigene Wahrheitsbegriff überdachter wäre.

Lineare Erklärmodelle reichen nicht

Heinz von Foerster war einer der Pioniere der Kybernetik und ist philosophisch dem radikalen Konstruktivismus nahe. Lineare Erklärmodelle dafür sind selbst nach Lektüre vieler seiner Aufsätze schwer. Nähern wir uns mittels seiner Stationen an: Von Foerster studierte 1931 Physik in Wien. Ludwig Wittgenstein zählte zum weiteren familiären Freundeskreis, daher hatte er während des Studiums eine Verbindung zu den Philosophen des Wiener Kreises und nahm an Vorträgen derer teil. Seine Promotion wurde ihm, da er keinen Ariernachweis erbringen konnte, einst verweigert, nach einigen Stationen in Forschungslaboren, in der Industrie und beim Rundfunk, publizierte er jedoch 1948 „Das Gedächtnis. Eine quantenmechanische Untersuchung“, ein Werk, das dem US-Neurophysiologen Warren McCulloch faszinierte.

Suche nach zirkulären Prozessen

Dieser holte von Foerster schließlich ein Jahr später in die USA, an die Universität in Illinois. Dort wurde er unter anderem Direktor des Biological Computer Laboratorys. Hier arbeiteten Logiker, Biologen, Kybernetiker, Informationstheoretiker, Sozialwissenschaftler und Physiker an einem Leitthema: an der Suche nach der gemeinsamen Struktur der Organisation zirkulärer Prozesse. Es ging unter anderem um das Gedächtnis, die Wahrnehmung und schließlich um die Frage nach der Rolle der Kognitionsforscher selbst. Ein gewagtes Feld damals wie heute. Sich selbst als Forscher ins Visier nehmen?

Beobachten fordert den Beobachter

Häufig erlebe ich, wie schwer es Studierenden und Lehrenden fällt, sich selbst als Forschende und ihre damit verbundene Rolle zu reflektieren. Fokus der Forschung war das Thema der Selbstorganisation. Das Forscherteam um von Foerster hatte viele Experimente dazu gemacht. Er selbst bezeichnete sich im Rückblick als „Meta-Physiker“, der seinen Schwerpunkt in den Kognitionswissenschaften fand und einer der Vertreter für ein damals bahnbrechendes Denken wurde.

Mit seiner Frau Mai, einer Schauspielerin, war von Foerster über 60 Jahre verheiratet, bekam zwei Söhne und hat mehrere Enkelkinder, eine Enkeltochter ist die New Yorker Künstlerin Madeline von Foerster. Heinz von Foerster starb im Oktober 2002 im Alter von 90 Jahren.

Ordnung entsteht auch aus Unordnung

In den bis heute erhaltenen Interviews zeigt sich, wie von Foerster seine Beziehungen zu Menschen lebte: offen, humorvoll und kreativ. So scheint er auch als Lehrender und Forschender häufig spontan und unterhaltsam gewesen zu sein – ein Vorbild für den noch heute oft drögen Lehralltag. Nicht selten bereitete er Vorträge auf dem Weg von A nach B ad hoc vor. So entstand beispielweise auch eine seiner grundlegenden Ideen, dass Ordnung nicht nur aus Ordnung sondern auch aus Unordnung entstehe, während einer Autofahrt.

Kritiker im Sinne des Wahrheitsbegriffs

Das war in den 1960er Jahren und dieser Ansatz bildet heute noch eine wichtige Säule an der Hochschule für Management in St. Gallen, deren Ideen von dem Briten Stafford Beer weitergeführt wurden. Natürlich haben auch diese ihre Kritiker gefunden – und das ist, ganz im Sinne des Wirklichkeits- und Wahrheitsbegriffs von Foersters, auch gut so.

Bereits zu Lebzeiten zog von Foerster Parallelen seiner Forschung zur Managementtheorie:
„Ein Betrieb, der ein gutes Management haben will, braucht Mitarbeiter, die sich selbst als Manager begreifen. Jeder in einer großen Firma soll der Manager einer Firma sein“, sagte er und brachte ein Beispiel, das sich mit der Basis einer Organisation beschäftigt: „Ich muss doch zuhören, was der Mensch an der Drehbank sagt und braucht!“

Wenn 2 x 3 nicht 6 ist

Häufig sind es die Anekdoten des Lebens, die viel über Menschen und ihre Haltung erzählen. Am Schluss dieser kleinen Betrachtung daher eine Anekdote aus Heinz von Foersters Leben, die er in einem Video erzählt: Heinz von Foerster ist sechs Jahre alt, als er einmal tränenüberströmt von der Schule nach Hause kommt. Seine Eltern fragen ihn, was los sei. Er erzählt, dass er eine Stunde in der Ecke stehen musste und das Warum: Seine Lehrerin hatte gefragt, wieviel 2 x 3 sei. Foerster meldete sich und antwortete: 3 x 2. Alle Kinder lachten. Die Lehrerin war erbost.

Was falsch und richtig ist

Sie sagte ihm, dass das Ergebnis falsch sei. 6 sei die richtige Antwort. Doch von Foerster ließ nicht nach und erklärte, was er meint. Er nahm einen Bleistift, zeichnete 3 Punkte und darunter noch einmal 3 Punkte. Das sei 2 x 3. Und wenn man nun 2 Punkte dreimal untereinander mache, sei das das Gleiche. Die Lehrerin zeigte keine Einsicht. Sie hatte eine „einfache“ Antwort erwartet. Und nur diese hatte gültig zu sein. Ein unbequemer Schüler, würde man heute vielleicht sagen. Oder einer, der mit sechs Jahren bereits das Kommutativgesetz begriff…

Mehr Interessantes von und über Heinz von Foerster hier:
Über den “Wahrheitsbegriff”  – aktueller den je:
Heinz von Förster. Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer: 2015.

DeSelfie heißt: Sich selbst auf der Spur sein.

Fotos: The Cybernetics Society (l.) / Biological Computer Laboratory, University of Illinois (r.)