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Erfahrungsbericht: Ein DeSelfie über zu viel Leistung, Gehorsam, Perfektionismus und Leidensdruck am Arbeitsplatz.

„Das Fräulein Dobmeier. Die schreibt ihre Überstunden nie auf. Braves Mädchen.“ Diese Worte galten einmal mir. Unser Chef vom Dienst reichte mir meinen Gehaltszettel allmonatlich mit einem Lächeln, meistens geschmückt mit Worten zur Person. Ich mochte ihn. In seinen Augen hatte er etwas Väterliches, wenn er mit mir sprach. Und vielleicht habe ich deswegen auch nichts dazu gesagt, sondern lächelte nur mädchenhaft zurück.


In den Fängen des Fleißes. Manchmal braucht es einfach Zeit, bis man selbstbewusst Grenzen setzt. Bild für DeSelfie: Nele Marlen

Ich war zu Höchstleistung motiviert

So wie er es in meinen Augen von mir erwartete. Ich war Anfang 20 und frisch eingestellte Redakteurin mit Studium in der Tasche (unausgesprochenes Ziel: „Am liebsten zur i-D nach London!“) – ich war gut und zu Höchstleistung motiviert. Ja, ich hatte wirklich Freude daran, das aufregende Medienbusiness kennen zu lernen. Und zum damaligen Zeitpunkt hatte ich bereits einige Hürden genommen. Das Miles-&-More-Vielfliegerprogramm der Lufthansa reichte bei meinen Kollegen für den Champagner in der Senatorlounge – ich war auf einem guten Weg dorthin.

So war also ein Leben auf der Überholspur

Interviews und Übernachtungen in den besten Hotels der Stadt. Partys. Backstage. Heute Frankfurt. Morgen Mallorca. Nächste Woche Stockholm. Eine aufregende Zeit, keine Frage! Und ich möchte sie nicht missen, denn ich habe viel über mich lernen dürfen. Und hey, die Zeit hat unglaublich viel Spaß gemacht! Zumindest sehe ich das heute so, damals nahm ich mir kaum Zeit, die vielen tollen Momente zu genießen und dachte nur an den anstehenden Abgabetermin.

Viel zu wenig Selbstfürsorge

Dass ich in dieser Zeit gleichzeitg mich selbst aus den Augen verlor, sogar die Hochzeit einer Freundin absagte, weil mein Chefredakteur mich für einen Wochenendeinsatz verpflichtete (ich wollte es ja gut machen), bekam ich peu à peu über Reaktionen meines Umfeldes und meines Körpers zu spüren. Ich weiß gar nicht mehr genau, was für ein Einsatz das war, jedenfalls kann er nicht so lebensnotwendig gewesen sein, sonst würde ich mich noch daran erinnern.

Mich ändern? Das dauerte viele Jahre.

Aber mein Chef wirkte damals mit so viel Autorität auf mich ein, dass ich mich nicht traute, nein zu sagen. Zu wenig Schlaf, zu viel Ausgehen, zu viel Fliegen, zu wenig Selbstfürsorge. Alles nicht dramatisch für eine fitte, lebenshungrige Zwanzigerin, aber selbst die zunehmenden Hautausschläge mussten erst mehr werden, bevor ich reflektierte, schließlich handelte und etwas änderte. Um ehrlich zu sein: Letzteres dauerte Jahre.

Jedes Business-Karussel fährt etwas anders

Ich will damit sagen: Ich kenne es, wie es ist, auf dem rasanten Business-Karussel zu sitzen. Jedes fährt ein wenig anders, aber irgendwann kann der Fahrtwind ganz schön heftig werden. Vorsorgeuntersuchungen absagen. Zahnarzttermine verschieben. Freunde vernachlässigen. Familie ausklammern. Sport canceln. Schnelle, schlechte Ernährung. Damals gab es noch kaum Internet und die Uhr drehte sich in meiner Welt trotzdem auch schon schnell. Und ich will auch sagen: Die Zeit muss reif für jeden einzelnen sein, um zu erkennen, ob er und sie etwas verändern will oder nicht.

Und die Zeit war reif

Vielleicht wäre ich irgendwann erfolgreiche Chefredakteurin eines Magazins geworden, wenn ich mein Ziel so weiterverfolgt hätte wie zu Beginn. Wenn ich es überlebt hätte. Ich wusste damals noch nicht, wie ich es hätte anders machen sollen, als ständig mit 180 über die Autobahn zu düsen. Unfälle gehörten übrigens auch in diese Zeit.

Die Zeit muss reif sein, um sich Dinge einzugestehen. Dass man vielleicht kaum noch Energie hat. Aber trotzdem weiter macht. Und dass man aktiv etwas dafür tun muss, um einen guten Weg für sich zu finden. Das ist nicht leicht, wenn man drin steckt.

Als der Leidensdruck hoch genug war

Irgendwann kommt eine Initialzündung, so beobachte ich das heute auch bei meinen Klienten. Entweder ein Ereignis von außen (Umbruch, Krankheit, Tod), oder von innen (Krankheit Psyche oder/und Körper). Bei mir war es eine Kombination aus mehreren Bausteinen. Der Zeitpunkt, so würde ich heute sagen, an dem der Leidensdruck hoch genug war. Und ich konnte gut leiden, weil ich es lange gar nicht gespürt hatte. Oder es eben gar nicht „Leid“ genannt hätte.

Ich hatte keine Ahnung, was ich tun könnte

Rückblickend hätte ich damals auch gar nicht anders gekonnt, weil mir das Handwerkszeug für das „Andersmachen“ fehlte. Also machte das ja auch alles Sinn wie es war. Bis dahin bestand mein Leben hauptsächlich aus Leistung. Leistungsschwimmen. Instrument. Privates Mädchengymnasium. Arbeiten am Wochenende. Gute Noten. Studium. Leistungsgerechte Aufmerksamkeiten. Nun also Karriere. Starke Strukturen geben Sicherheit. Nur dachte ich damals noch nicht so, ich steckte ja mittendrin.

Es war schwer, den Perfektionismus zu überwinden

Wie Leichtigkeit geht oder wie es sich anfühlt, die Dinge auch mal nur mit 90-prozentiger Sorgfalt zu erledigen anstatt mit 120-prozentiger, das war für mich Neuland. Andere können darüber nur lachen und fragen sich, wie man so strukturiert wie ich sein kann. Ha, jetzt mache ich hier also absichtlich einfach einen Rechtschreibfeler hinein! Ätsch! Tja, die haben ihr Päckchen und ich hab meines. Heute ist hier immer noch mein Entwicklungsfeld, das mich wahrscheinlich ein Leben lang begleiten wird. Ein sehr, sehr spannendes Feld! Wir lernen jeden Tag dazu, wenn wir unser Handeln reflektieren.

Ein gut gewahrtes Geheimnis

„Das Fräulein Dobmeier“ jedenfalls blickt hin und wieder noch über meine Schulter und dann muss ich grinsen. So wie ich lächelte, als der Chef vom Dienst mich eines Tages zur Seite nahm und mich fragte: „Also mich interessiert das jetzt schon. Die Überstunden letztens in Berlin. Die haben Sie schon wieder nicht aufgeschrieben? Das Geld brauchen Sie wohl nicht?“ Und ich lächelte einfach nur und sagte: „Nein, warum auch. Ich mach das doch hier alles aus Spaß.“

Mehr schreibt die Autorin über sich und ihr Leben zum Beispiel in diesem Artikel. Hier geht es um das Thema Kündigung und Trennung.

DeSelfie heißt, sich selbst auf der Spur sein.