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Erfahrungsbericht: Ein DeSelfie darüber, warum Kündigung und Trennung wichtige Lernerfahrungen fürs Leben sind.

Abschied nehmen, kündigen, Partnerschaft beenden: Wie geht guter „Abschied“ eigentlich? Braucht es das im Arbeitsleben? Was wir wissen ist, wenn Phasen des Lebens nicht gut abgeschlossen sind, kann das Gleichgewicht aus dem Lot geraten. Meine Kündigungen und Trennungen. Wie liefen diese Abschiede bisher ab?

Wenn viele Fragezeichen bleiben

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: häufig mit vielen Fragezeichen verbunden. Vom TV-Sender trennte ich mich, weil ich mir nicht mehr dabei zusehen konnte, wie ich Teil eines Systems wurde, das Menschen verheizte. Ich war damals Hospitantin bei einer bekannten Talkshow und arrangierte eigenverantwortlich Sendungen vom Casten der Talkshow-Gäste bis hin zur Erarbeitung der Sendestrategie, dem Briefing der Moderatorin und der Abnahme der Sendung. TV-Ausweis um den Hals und Feiern auf der Etage inklusive. Und irgendwie: Regisseur des Lebens. Wieder einmal: aufregend! Aber auch: anstrengend! Nerven zerreißend! Irgendwann: nervig. Belastend.

Wer hinterfragt, ist nicht immer gern gesehen

Ich ging und wollte meine Bedenken anbringen. Ob es vielleicht irgendwie anders Sinn machen würde, eine andere Stelle, eine andere Aufgabe, also diese Beziehung, er und ich, der Sender, fragte ich. Das hatte damals aber wenig Wirkung gezeigt. Vielleicht habe ich es auch nicht klar genug formuliert. Was ich damals nicht wusste war, wie wichtig Sinnkonstrukte für uns Menschen sind und wie unwahrscheinlich es sein würde, dass meine Kollegen und Vorgesetzten von ihren Konstrukten abkommen würden. Denn sie waren ja fest im Sattel ihres Sinnkonstruktes gesessen. Und wen das Pferd einmal abwirft, der kommt so schnell nicht wieder hinauf.

Ich hatte ein halbes Jahr mit meiner Kündigung gerungen

Mein Referenzschreiben wünschte mir alles Gute für die Zukunft und lobte mich. Ich empfand es immer als besonderes Lob, wenn in meinen Zeugnissen stand: Wir hätten Sie gerne weiter hier beschäftigt. Das stärkte mich.

Meine nächste Kündigung wurde dann von einem recht schnellen Gespräch mit dem Chefredakteur begleitet. Es war viel passiert in den zwei Jahren, in denen ich als Redakteurin einer erfolgreichen Zeitschrift gearbeitet hatte. Ich hatte ein halbes Jahr mit meiner Kündigung gerungen. Und sie schließlich formuliert, getippt, eingereicht. Etwa zwei Monate zuvor gab es einen Führungswechsel. Die einzige Frage, die der neue Chef zunächst stellte, war, ob es seinetwegen sei. Ich verneinte, sein neuer Führungsstil war eher der Tropfen auf dem heißen Stein als ein Grund. Dann ging alles relativ schnell. Eingewilligt. Abschiedsfeier. Zeugnis. Jeder ist ersetzbar. Auch hier blieben Fragen offen.

Was habt ihr eigentlich an mir geschätzt?

Ich fragte mich: Was habt ihr eigentlich an mir geschätzt? Inwiefern war meine Arbeit zufriedenstellend bis hierher – was hätte ich anders machen können? Warum hat mich dann in der letzten Konsequenz doch keiner zurückhaben wollen? Und das, obwohl ich richtig reinklotzte, meine Freunde für den Job vernachlässigte und und und. Ich höre mich heute noch trotzig vor mich hinreden. Das kann ich natürlich heute aus Abstand mit viel Ironie erzählen, es war ja meine Entscheidung und mein Zutun, dass ich damals das „fleißige Lieschen“ gab. Vielleicht habe ich damals die Wertschätzungen zwischen den Zeilen einfach überhört.

Auch Kündigung und Trennung kann man üben

Beim nächsten Mal war ich dann schon geübter. Aber das vereinfachte meine Lage nicht unbedingt, denn mittlerweile waren auch andere Dinge in meinem Leben wichtiger geworden. Familie. Partnerschaft. Kinder. Nach langen, wirklich langen Überlegungen, kündigte ich nach meiner zweiten Elternzeit, in der ich nach einem Jahr Pause für 20 Stunden pro Woche gearbeitet hatte. Ich erledigte damals genau so viel wie zu meinen 40-Stunden-Zeiten, entwarf ein neues Produkt für das Haus und war mit Leib und Seele dabei. Doch der gedruckten Medienbranche ging es schon damals nicht besonders gut und es wurde an allen Ecken und Enden gespart. Im Endeffekt waren die Controller bestimmt froh, dass eine wie ich, lange dabei, Senior-Gehalt, Ansprüche, ehrliche Kommunikation, geht und ihren Hut nimmt. Verständlich, irgendwie. Meine direkten Vorgesetzten hatten sich damals sehr fair verhalten, das freute mich.

Selbst auf meine Kolumne hat niemand reagiert

Aber was ich wirklich bis heute lustig finde ist, dass auf meine Kolumne, die ich damals schrieb, kaum jemand aus dem Haus reagierte. Ich schrieb etwa sinngemäß, dass ich es wichtig fände, dass Arbeitgeber sich für ihre Mitarbeiter interessieren und in meinem Fall, dass ich doch als teilzeitarbeitende Redakteurin viel motivierter sei als als Vollzeitfrau, die ständig das schlechte Gewissen plagt, weil sie ihre Kinder nicht sieht. Hier hätte man gut auch von höherer Stelle ein Feedback-Gespräch führen können. Doch so blieben auch hier Fragen offen.

Zusammengefasst ist zu sagen, dass ich Kündigungen bis zu meiner Selbständigkeit als Beraterin nur von einer Seite kannte. Mir wurde noch nie gekündigt. Außer im Privatleben. Umso erbärmlicher fühlte ich mich, als mein damaliger Freund mir brühwarm erzählte, dass er zurück zu seiner Ex gehen würde. Bäm! Das erste Mal. Nun gut, auch im Verlassenwerden braucht es gewisse Übung. Heute kann ich das gut gebrauchen, denn Absagen von Kunden, misslungene Akquise – ich kann heute gut damit umgehen.

Wie sagt der gute Berater? Ich lerne mit jedem Atemzug dazu! Bei Führungskräften, die sich von Mitarbeitern verabschieden, sollte das genauso gelten wie für Partner in der Beziehung.

Wie laufen Kündigungen und Trennungen im Leben anderer ab? Was können wir voneinander lernen?

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