Warum ich meine Social-Media-Profile gelöscht habe

Ein DeSelfie und damit ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht über das Dilemma mit Social Media

Social Media by Jeremy Levin

Foto: Jeremy Levin (pexels.com)

Spätestens nach der Veröffentlichung von „Social Dilemma“ auf Netflix hat sich der und die ein oder andere von uns erschrocken die Haare gerauft. Das Thema ein altbekanntes, nur einfach gut und für jeden verständlich erklärt. Aber auch Netflix will mit seinen Filmen etwas bewirken. Oft vergessen wir, dass Dokumentationen nicht die ultimativ objektive Meinung widerspiegeln. Objektiv – unwahrscheinlich. Meinung – definitiv. Mir persönlich ist das erst richtig bewusst geworden, als ich mit einem Regisseur für Dokumentarfilme zusammengelebt habe.

Aber genau damit spielen wir ja alle – mit dem Bewusstsein. Denn wenn wir ehrlich zu uns sind und durch diverse Feeds scrollen, stellen wir uns selten bewusst bei jedem Bild die Frage, was wirklich dahintersteckt. Wie sollen wir das auch schaffen – bei solch einer Flut von aufgehübschten Bildern, Werbeanzeigen und Co.?

Mein Social Media Detox war lange überfällig

Gründe dafür gibt es viele – Auslöser war aber letztendlich die Trennung von meinem Freund vor fünf Monaten. Mein Motto: „Ganz oder gar nicht!“ Und das hat mich nicht nur die Applikationen auf meinem Mobiltelefon löschen lassen, sondern mein gesamtes Profil auf Instagram und Facebook. Radikaler Schritt? Würde ich nicht unbedingt sagen. Oder kann man sich auch halb von seinem Expartner trennen? Ich wollte eine Sendepause, raus in die Welt und rein in meine Welt.

Ohne Handy

2017 – noch bevor ich überhaupt auf Instagram aktiv war, saß ich ohne Handy in Sri Lanka am Strand. Natürlich nicht freiwillig, aber nach den ersten Tagen im Paradies hat das Teil einfach seinen Geist aufgegeben. Rückblickend das Beste was mir passieren konnte. Erschreckend fand ich allerdings, dass ich scheinbar die Einzige war, die den Moment im Hier und Jetzt genießen konnte.

Da waren Pärchen, die sich vor der Kamera, vermutlich für ihren Instagram-Feed, in Pose geschmissen haben. Menschen, die möglicherweise mit der Heimat kommuniziert oder ihren Instagram-, Facebook-, Twitter- oder Snapchat-Feed durchgescrollt haben. Und was ich am erschreckendsten fand: Pärchen, die sich schweigend in den Strandrestaurants gegenübersaßen und anstatt miteinander zu reden auf den kleinen Screen ihres Mobiltelefons gestarrt haben. Wir inszenieren Bilder, die den schönsten Moment im Urlaub widerspiegeln sollen. Fliegen um die halbe Weltkugel, um nicht dort zu sein. Wir verlernen die Face-to-Face-Kommunikation. Wir sind überall, nur nicht im Hier und Jetzt, nur nicht bei uns Selbst, nur nicht bei unserem Gegenüber.

Dann kam Instagram

Ohne Social Media by L. W.

Instagram mein zukünftiger Reisebuddy 😉

Kurz nach meinen Sri-Lanka-Trip und der eigentlich so guten Handyfreien Zeit habe ich mich dann doch dazu hinreißen lassen, mir Instagram auf meinem neuen Smartphone zu installieren. Ist schließlich nicht so schwer… ein paar Klicks und man kann sich durch zahllose Feeds und damit Bilder scrollen. Klasse! Genau die Ablenkung, die man braucht, wenn man nach dem Studium nicht weiß wohin mit sich selbst. Anstatt mich bewusst mit mir auseinander zu setzen habe ich „nur“ gesehen, was alle anderen machen. Auf Instagram sind das aber vor allem großartige Urlaube, extremer Sport und gutes Essen. Das sind Fragmente, geschönte Ausschnitte und nicht die Realität.

Mein Social Media Verhalten

Was die sozialen Medien angeht, war ich rechter Spätzünder. Erst über Freunde, die begeistert an ihren Handys hingen, kam ich dazu. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich nur Facebook und Instagram aktiv genutzt. Okay die Liste ist länger. LinkedIn, weil das zum Netzwerkwerken ganz angenehm ist. Pinterest, wenn ich Geschenk- oder Einrichtungsideen brauche. Aber die Begründungen der beiden Letzteren machen deutlich, dass ich dort gezielt nach Informationen suche und nicht wahllos stundenlang Dinge betrachte, die mich unbewusst beeinflussen.

Um so erschreckender fand ich die Wirkung, die Instagram auf mich hatte. Natürlich wollte ich auch schöne Bilder von mir am Strand, auf dem Berg, beim Sport und mit Freunden posten. Ist schließlich kein Problem, wenn man den Aktivitäten nachgeht. Also habe ich alle paar Wochen etwas hochgeladen. Interessanterweise immer genau dann, wenn ich mich nicht so klasse gefühlt habe, wenn die Stimmung eigentlich im Keller war und ich mich allein gefühlt habe. Nach dem Motto: „Hallo Welt schau mal, was ich Großartiges mache.“ Und Aufmerksamkeit und Bestätigung suggerieren die Likes allemal. Der Gedanke: „Du kannst mal wieder was posten, ist schon paar Wochen her“, war im Nachhinein betrachtet aber eher anstrengend. Das hat Druck bei mir aufgebaut und der ist erst abgeflacht, wenn ich für den Post auch die entsprechenden Likes bekommen habe. Ein schöner Teufelskreis.

Social Media Wirkung by Cristian Dina

Instagram zum kontakten, kommunizieren & bestätigt werden. Foto: Cristian Dina (pexels.com)

Aber auch die Tatsache, dass ich als absolute Frühaufsteherin erstmal eine Stunde sämtliche Feeds durchstöbert habe, ist merkwürdig. Die Rechnung war einfach: 6 Uhr wach, 7 Uhr aufstehen – und selbst das ist für die meisten Menschen unmöglich früh. Aber es blieb nicht bei der einen Stunde. Ich habe jedes Warten auf Bus oder Bahn genutzt mich der Bilderflut auszuliefern. Jede Minute im Restaurant, die meine Begleitung auf die Toilette verschwunden ist, habe ich Instagram gewidmet. Am schlimmsten finde ich allerdings die Zeit, die ich mit Freunden oder der Familie und eigentlich auf Social Media verbracht habe. In der ich Filme nicht gesehen habe, weil ich parallel am Handy hing. In der ich mir Vorlesungen mühevoll daheim aneignen musste, weil ich sie nicht mitbekommen habe. Es gibt unzählige Beispiele. Und natürlich war das nicht mein dauerhaftes Verhalten, sondern die erschreckendsten Momentaufnahmen der letzten 4 Jahre. ABER die haben es in sich.

Meine Wirkung auf Andere

Menschen glauben was sie sehen. Wenn mich Freunde, die ich in unregelmäßigen Abständen zu Gesicht bekomme, mit: „Bist du mal nicht im Urlaub?“ oder „Na du Grinsebacke!“ begrüßen, war ich tatsächlich etwas überfordert. Wie kommt mein Gegenüber darauf, dass ich so viel im Urlaub bin, dass man mich als Grinsebacke bezeichnen könnte? Klar, das bin ich, das ist das, was ich teile, das ist das, was klasse aussieht. Das sind Fragmente, geschönte Ausschnitte. Das bin ich in Realität und auf den sozialen Medien.

Ich teile nicht, wenn ich 3 Tage nicht vor der Haustüre war und meine Kopfbehaarung eher einem Vogelnest gleicht. Und ich teile auch nicht, wenn ich nach einem Streit Tränen vergossen habe und eher aussehe wie ein Teleskopfisch als ein menschliches Wesen. Das gehört aber dazu, das bin auch ich. Das bin ich in Realität und abseits der sozialen Medien.

Goodbye Social Media

Good by Social Media by L. W.

Social Media ich kehre dir den Rücken zu.

Ganz ehrlich. Mir geht es super ohne Instagram & Facebook. Die Morgenstunde verbringe ich an der frischen Luft. Wenn ich von meiner Joggingrunde zurückkomme und die griesgrämigen Morgenmuffel, die mir entgegenkommen, durch mein Dauergrinsen vom Runner’s High zu einem Lächeln bewegen kann, kann der Tag fast nichtmehr schlecht laufen. Meine Wartezeiten vertreibe ich mir entweder damit, ein Buch zu lesen oder ganz bewusst mein Umfeld wahrzunehmen. Es ist verrückt und erschreckend was man da alles sieht. In den meisten Fällen nämlich Menschen, die auf einen kleinen Bildschirm starren. Die weit weg sind von dem Ort, an dem sie sind und die aus allen Wolken fallen, wenn man sie im realen Leben anspricht. Die Zeit, die ich mit meinen Freunden und der Familie verbringe, ist jetzt zumindest auf meiner Seite bewusster gelebt, geschätzt und ernst genommen.

Was mir auffällt

Manchmal ärgere ich mich jetzt über mein Gegenüber. Wenn er oder sie mitten im Satz abbricht, wie eine hängengebliebene Schallplatte und ich beim Einstieg nachhelfen muss, weil die Aufmerksamkeit durch das blinkende und klingelnde Etwas für einen kurzen Moment entzogen wurde. Ich ärgere mich auch, wenn ich meine Erzählung zurückspulen muss, weil mein Gegenüber nicht mitbekommen hat, um was es gerade ging. Und dann… Dann denke ich an die Zeit von vor 5 Monaten zurück, die ich mit Freunden oder der Familie und eigentlich auf Social Media verbracht habe. In der ich Filme nicht gesehen habe, weil ich parallel am Handy hing. In der ich mir Vorlesungen mühevoll daheim aneignen musste, weil ich sie nicht mitbekommen habe.

Und dann… Dann ist da kein Ärger mehr, sondern die Frage: „Wo führt das hin?“

Mit Selbstreflexion über unseren Umgang mit den Sozialen Medien hoffentlich zu einem gesunden Nutzungsverhalten. Und für mich persönlich heißt das erstmal offline – jedenfalls im privaten Kontext.

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Literatur

The Happiness Effect von Donna Freitas

Quellen

Warum diese Doku Teil des Problems ist

DeSelfie heißt: Sich selbst auf der Spur sein.

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