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Es könnte viel bedeuten

Der Hype um den norwegischen Autor Karl Ove Knausgård und seine sechsteilige, autobiografisch inspirierte Romanreihe „Min Kamp“ ist seit einiger Zeit vorüber. Nun ist der vierte und letzte Teil einer weiteren Reihe von ihm erschienen: „Im Sommer“. Ein guter Anlass, um sich über die Einordnung von Knausgårds’ Werk als Signal unserer Zeit Gedanken zu machen. DeSelfie-Literatur? Ein persönliches DeSelfie von Dr. Astrid Dobmeier – aus der literarischen Perspektive.

Karl Ove Knausgård, Bild: Luchterhand

Meine Welt hatte Karl Ove Knausgård 2016 gestreift. Per Zufall. Hätte eine Freundin, die meinen Musikgeschmack sehr gut kennt, mich nicht auf „Träumen“, der fünfte Band der “Min Kamp”-Serie, hingewiesen. Der Musikgeschmack war bei dieser Buch-Empfehlung deswegen so ausschlaggebend, weil sich Karl Ove Knausgård in diesem Band sehr ausführlich mit Bands, Songs, Texten und seiner Zeit als Studierender beschäftigt.

Warum fasziniert mich das?

Und er traf genau meinen Geschmack. Vier Tage lang war ich wie elektrisiert, bin regelrecht versunken in den Zeilen und hing gleich noch den ersten Band  der “Min-Kamp” Reihe, „Sterben“, dran. Immer wieder habe ich mich schon während des Lesens gefragt, was genau mich an dieser Form, an der Sprache und am Inhalt des Buches derart zu packen vermag.

Heute, mit ein wenig Abstand, denke ich, dass es diese großartige Kombination aus Tiefe, Sich-Wiederfinden, Sprach-Schönheit, Erinnerung und Entschleunigung ist.

Nun lese ich also „Im Sommer“. Ich bin bei einem Tagebucheintrag vom Juni 2016. Das Du meint Knausgårds jüngste Tochter, sie ist in der Zeit des Schreibens gerade einmal zwei Jahre alt. Da gibt es außerdem ihren achtjährigen Bruder und ein zehnjähriges und zwölfjähriges Geschwisterkind. Das Ich? Es dürfte die Summe aus Ich und lyrischem Ich sein.

Im Sommer von Karl Ove Knausgård, Luchterhand

Dabeisein und Einsamsein

Wenn ich Knausgård richtig verstehe, geht es bei „Im Sommer“ um die Gleichzeitigkeit von Dabei- und Einsamsein. Um Leichtigkeit im Alltag und die Schwere des Glücks. Und stets schwingt etwas Trauriges zwischen den Zeilen.

Kurze Therapieversuche, die Abwesenheit seiner Partnerin, vermutlich wegen deren Depressionen. Diese detaillierten Juni-Einträge stehen sehr kurzen Episoden über Beobachtungen und Beschreibungen von Tieren und Alltagsgegenständen gegenüber. Beinahe könnte man meinen, sie stünden eher gleichgültig nebeneinander. Und gleichzeitig bilden die kurzen Stücke einen gewichtigen Gegenpol zu den langen Passagen, die den gewohnten sprachlichen Knausgård-Sog entwickeln. Ein wenig muss ich an Jochen Distelmeyer und seine „Apfelmann-Phase“ denken – auch Schmetterlinge tauchen bei beiden auf.

Nach über 480 Seiten würde und könnte die Welt schließlich untergehen.

Die eigenen Assoziationen

Wenn da ein Mensch über Dinge schreibt, mit denen man sich selbst einmal sehr beschäftigt hat, dann löst das eine Art neuronale Gefühlsexplosion aus. Es können auch nur Namen sein, die sofort Assoziationen hervorrufen, tief im Innersten: Adorno, Blur, Bernhard, Celan, Happy Mondays, Stone Roses.

Hoppla.

Nur wenige Seiten später tauchen die ehemals selbst besuchten Literaturseminare vor dem geistigen Auge wieder auf. Das gegenseitige Kritisieren von Texten, die ungezählten Stunden im Plattenladen, die vielen Bands, die Musik, das Trinken, Feiern und Studentenleben. Dieser Rhythmus, diese Sprache. Aber auch: das Zweifeln an sich selbst und die Unzufriedenheit mit der Zufriedenheit. Das mit der introvertierten Extrovertiertheit.

Lesen ist Alltagstrance

Nach mehreren hundert gelesenen Seiten projezierte ich  – und vermutlich auch viele anderen Leserinnen und Leser – all die eigenen Erfahrungen in Karl Ove Knausgård hinein. Der typische Knausgard-Leser ist etwa in meinem Alter und noch etwas älter, also in den 1970ern geboren, was sich an den Anwesenden zeigte, die zur Lesung 2017 von „Kämpfen“ nach München kamen.

Am Ende von zwei Bänden … “Träumen” und “Sterben” … angekommen, in zehn Tagen gelesen, glaubte ich beinahe, dass ich Karl Ove Knausgård bestimmt einmal begegnet sein muss. So nah fühlte ich mich ihm. Auf einem Konzert vielleicht. Ein Seelenverwandter. Was allerdings so oder so äußerst unwahrscheinlich ist, ich war noch nicht einmal in Norwegen.

Das kann Lesen und Alltagstrance alles auslösen.

Die inneren Prozesse

Mit Abstand betrachtet, denke ich heute, es ist vor allem die innere Zerrissenheit, der Umgang mit Scham vor sich selbst und die Möglichkeit, ein Ich im Rückblick literarisch lebendig werden zu lassen, warum diese Art der Literatur so faszinierend für mich ist. Ich kenne aber auch genügend Kritiker, die nichts damit anfangen können, geradezu angewidert und gelangweilt vom Geschriebenen sind. „Belanglos“ nannte das einmal einer. Als ich mir dann im Nachgang eine Literatursendung angesehen habe, in der „Träumen“ Gegenstand der Betrachtung sein sollte und sich vier Kritiker darüber unterhielten, wandte sich einer von ihnen schaudernd ab vom Knausgård-Buch und meinte: Das ist Selfie-Literatur, mehr nicht.“(ab Minute 43 kann man sich das ansehen).

Ihm möchte ich gerne zurufen: Kommt ganz auf den Betrachter an! Ich finde, es ist eher DeSelfie-Literatur, weil hier einer hinter die eigene Fassade blickt. Dass man mit Namedropping nichts anfangen kann, wenn man keinen Bezug zu den erwähnten Namen hat, leuchtet mir ein. Dass es als Angeberei empfunden werden kann, wenn einer in der Runde ständig über Musiker spricht, die alle anderen in der Runde nicht kennen, dann kann das nerven, fair enough.

Betrachtungen brauchen Zeit

In meinen Augen ist gerade Knausgård ein sehr gelungenes Beispiel für fesselnde DeSelfie-Literatur. Einer, der zurück auf sein Leben blickt, der reflektiert, beschreibt, zweifelt, einordnet, Reue zeigt und manchmal auch nicht. Und einer, der sich für seine Betrachtungen Zeit lässt. Dabei wird nicht mehr unterschieden, was wichtig oder unwichtig ist im Leben. Es ist das Leben selbst. Es ist das Leben – und es ist viel. Um den Vergleich zum Medium Video zu ziehen: Es ist beinahe so, als würde die Kamera in unserem Alltag ständig mitlaufen. Ohne Stop und Reset.

Knausgård ist für mich der Autor der 2010er-Jahre, von dem man später noch erzählen wird. Ein Autor, der seinem Leser die Möglichkeit gibt, dessen Geschichte zu entschlüsseln, für sich selbst abzugleichen und bedeutsam oder bedeutungslos zu werten.

Inszenierung und das Selbst

Selfie-Literatur dagegen ist etwas anderes: Hier schreiben Autoren an einer Selbstinszenierung – um der Inszenierung willen. Es wurde zurecht viel diskutiert über das Warum und das Wie, darüber, dass Knausgård seine Familie instrumentalisiert hat, weil er schonungslos Autobiographisches hernahm, mit sich selbst war er letztendlich auch schonungslos. Diese sechsteilige „Min Kamp“-Orgie war eine gnadenlose Erforschung des Selbst, ein schmerzhaftes Experiment, das ihm selbst und seiner Umgebung weh getan hat.

Jeder konstruiert seine Wirklichkeit

Neben Unverständnis empfinde ich gleichzeitig Sympathie für diesen Ansatz, denn wir können davon ausgehen, dass es in unserem eigenen Leben oft nicht anders aussieht: Wir erzählen unsere Geschichte so, als wäre sie „wahr“, weil wir glauben, dass sie wahr sei. Dabei liegen Erzählweise und -inhalt oft im Auge des Betrachters. Und würden wir unsere Liebsten fragen, sie erzählten “die Geschichte” womöglich völlig anders. Jeder konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit.

Knausgård ist an der Wirklichkeit gescheitert. Seine Ehe wurde mittlerweile geschieden. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er das wissentlich in Kauf genommen hat.

Schreiben heißt Nicht-Denken?

In einem sehr gescheiten Gespräch mit Zadie Smith meinte Knausgård, dass er im Moment des Schreibens nicht an seine Leser denke. Ich glaube ihm das. Wer „Träumen“ in acht Wochen schreibt, kann keine Zeit für Gedanken an die Leser haben. Bei seinem sechsten Band „Kämpfen“, das erkennbare Längen aufweist, dürfte das dann anders gewesen sein. Die langen Passagen über Hitler funktionieren nicht ohne Recherche und ohne Denken.

Träumen von Karl Ove Knausgård, Luchterhand

Vielen Dank, Karl Ove Knausgård, für diese wunderbaren Bücher, die uns selbst reflektieren und unseren Herzschlag hören lassen. Dass in „Im Sommer“ nun Sting auftaucht, lässt mich gut Abschied von diesen schönen Werken nehmen. Sting habe ich noch nie gemocht.

Zum Ende eines meiner Lieblingszitate aus “Im Sommer”:

In  „Schmalblättriges Weidenröschen“ heißt es so wunderbar: „Ich sitze am Schreibtisch und versuche  zu verstehen, was Erinnerungen sind oder wie es sich eigentlich anfühlt, sich an etwas zu erinnern.“

Karl Ove Knausgårds Bücher sind überall erhältlich und einfach googlebar.

Hierzulande findet sich das Knausgardsche Werk bei Luchterhand Literaturverlag.

Hin und wieder schreibt er schöne Essays in der New York Times: https://www.nytimes.com/2018/02/14/magazine/a-literary-road-trip-into-the-heart-of-russia.html