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Erfahrungsbericht: Ein DeSelfie über die Erkenntnis, dass weniger Arbeit selbst Arbeitstiere glücklicher machen kann. 

Und kreativer. Für eine gewisse Zeit jedenfalls: Erst war ich in der  Vollzeitanstellung sehr glücklich. Doch dann kam die Schwangerschaft. Und mit ihr und dem ersten Kind veränderte sich viel. Meine Einstellung, mein Rhythmus, mein Denken. Schließlich probierte ich Führung in Teilzeit aus. Ein Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt Vereinbarkeit von Familie und Beruf.


Immer noch Arbeitsalltag für viele: Zeit absitzen

Keine Frage – natürlich kommt es immer auf die Branche an. Jeder, der jedoch in einer Art „Denkbranche“ zuhause und fest angestellt ist, also der vor allem im Sitzen, vor dem Computer und am Schreibtisch Konzepte, Texte, Grafiken, Präsentationen, Guidelines, Outlines, Reden oder ähnliche Dinge produziert und dies in Kombination mit Meetings und Geschäftstreffen dann „Arbeit“ nennt, der kennt das Gefühl, wenn das Hirn auf einmal leer ist.

Flexibles Arbeiten geht nicht überall

Tank leer, Energie weg. Und trotzdem sitzt man da, vielleicht sogar noch drei, vier Stunden, weil der Arbeitsvertrag das sagt und die Deadline drückt. Naja, wird halt noch ein bisschen dagesessen. Hilft ja nichts. Auch wenn es mittlerweile Unternehmen gibt, die offener für flexible Modelle werden – Alltag ist das noch lange nicht.

Acht Stunden Arbeit am Stück macht unproduktiv

Wie eine Studie gezeigt hat, liegen wir Deutschen in Europa mit 41,5 Arbeitsstunden pro Woche im Europadurchschnitt. Das klingt erst einmal nicht so tragisch, ist bezogen auf die Produktivität des Menschen insgesamt betrachtet aber relativ viel. Woher kommt diese Idee eigentlich, dass der Mensch dafür geschaffen sei, acht Stunden am Stück zu arbeiten, Mittagspause ausgenommen?

Was mit der freien Zeit machen? Nicht für jeden Menschen leicht zu beantworten. Bild von Nele Marlen

Ein Relikt aus dem Industriezeitalter

Es ist ein Relikt aus dem Industriezeitalter, eine Anpassung an Arbeitsleistung und Rhythmus von Maschinen. Schichtarbeiter in der Produktion arbeiten immer noch so – auch wenn sich deren Arbeitsfelder ebenfalls längst verändert haben. Stichwort: Arbeit 4.0. Heute weiß man aus unterschiedlichen Studien, dass eine Arbeitsleistung von etwa sechs Stunden für viele Menschen sinnvoller wäre. Das käme jungen Eltern, deren zeitliche Verfügbarkeit sich mit Kindern deutlich verschiebt, eigentlich entgegen.

Sechs Stunden Arbeit pro Tag wären sinnvoller

Was wir nicht vergessen dürfen ist: Natürlich können diese acht Stunden, in denen man weiß, was man zu tun oder zu lassen hat, auch Struktur geben – und damit Sicherheit. Vielleicht mehr als ein “offener” Tag ohne Plan mit Säugling zuhause. Und nichts ist so ungewiss wie das weiße Blatt Papier für Kreative am frühen Morgen oder der leere Terminkalender von Selbständigen.

Diese Menschen waren viel produktiver

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf Studien verwiesen, die besagen, dass sechs Stunden die optimalere Arbeitsdauer für Menschen sei. Tatsächlich gibt es in Schweden Experimente in Unternehmen, die das fördern und ausprobieren. Das Ergebnis eines Experiments in einem Seniorenheim in Westschweden: Die Menschen, die dort am Stück nur sechs Stunden statt acht arbeiteten, waren konzentrierter, motivierter und produktiver. Doch ein Massenphänomen ist der Sechs-Stunden-Tag auch dort nicht.

Am Schreibtisch ist es manchmal ruhiger als in der Kinderstube – Bild für DeSelfie by Nele Marlen

Weniger als 100 Prozent ist mehr

Vor allem die Kreativen kennen das: Die besten Ideen kommen nicht am Schreibtisch. Ich selbst habe das zum ersten Mal so richtig bewusst erlebt, als ich mit meinem ersten Sohn in Elternzeit war. Schon in den sechs Wochen Mutterschutz vor der Geburt hatte ich alleine durch den Abstand zu Büro, Team und altem Trott so viele Ideen wie selten vorher. Ich hatte plötzlich mehr Zeit für mich. Zum Nachdenken. Zum Freiwerden. Zeit für Spaziergänge, Sonnen-Nachmittage auf der Parkbank und Zeit, im Freibad sich selbst und andere zu beobachten.

Als ich weniger arbeitete, war ich kreativer

Ich fühlte mich freier als jemals zuvor in meinem Arbeitsleben. Und ich habe wirklich viel, sehr viel gearbeitet vorher. Der Grund ist einfach, so paradox er klingen mag: Die Prioritäten lagen damals nicht mehr zu 100 Prozent auf dem Job. Das jedoch drückte mich entgegen aller Vermutungen Kinderloser nicht vom Job weg, sondern ließ mich ihn mit anderen Augen sehen … und mich kreativer werden – und zufriedener.

Arbeiten während der Elternzeit

Auch während der Elternzeit, das Kind noch im Kinderwagen, sahen meine Augen schließlich beim Spazierengehen mit dem Baby mehr als vorher, hörten meine Ohren etwas anderes als früher und ich fühlte mich: glücklicher. Mein Kind forderte von mir häufig, mein ursprünglich sehr hohes Tempo zurückzuschalten. Ein heilsamer Prozess. Wenn ich daran denke, wie es war, als es laufen lernte, erst recht. Brauchen Sie mal eine Stunde für einen Weg, der üblicherweise in zehn Minuten zurückzulegen ist.

Ich arbeitete kürzer und wurde produktiver

Für mich war eine Teilzeitlösung damals die logische Schussfolgerung und im Umkehrschluss auch das Beste was dem Arbeitgeber passieren konnte. Denn: Ich war zufrieden mit mir selbst, mit meinen beiden Polen – dem des Mutterseins und dem der Angestellten. Und damit motivierter, produktiver und kreativer.

Führung in Teilzeit geht doch!

Damals entwickelte ich in Teilzeit ein neues Produkt und übernahm die Team- und Projektleitung dafür. Führung in Teilzeit? Das ging sehr gut. Mit guter Organisation, Vorbereitung und authentischem, gutem Kontakt zu den Mitarbeitern. In meinem Fall mit einem Mann an der Seite, der das ähnlich sah und ebenfalls einen Teilzeitjob anstrebte. Und Großeltern, die immer wieder unterstützend zur Seite standen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ohne sie hätte dieses Modell nicht funktioniert. Dass ich damals in 20 Stunden den gleichen Job gemacht habe wie vorher in 36 hing aber nicht nur von der Organisation ab, sondern vor allem von der gestiegenen Motivation.

Womit wir bei einem zentralen Lebensthema wären: Wichtig ist, was unser innerer Motivator sagt. Denn ihm zuliebe tun oder lassen wir die Dinge sehr viel gelassener und lieber.

Auch (manche) Väter wollen Teilzeit

In meiner Arbeit in Beratung und Therapie erlebe ich heute, dass es auch viele junge Väter gibt, die sich diese Form der Eltern-Teilzeit-Arbeitsteilung vorstellen können. Die weniger arbeiten wollen, weil sie nicht abwesend wie ihre eigenen Väter sein möchten. Doch viele tun sich schwer, diesen Wunsch beim Arbeitgeber deutlich zu machen und mit Ideen an ihn heranzutreten. Häufig  aus Angst. Vorbehalte in Unternehmen sind Männern in dieser Hinsicht immer noch ungleich größer als bei Frauen.

Bürozeit ist stressfreier als Kinderhüten

Zwar schieben immer mehr Daddys ihre Kinder im Kinderwagen durch die Gegend, allerdings häufig nur in ihrer (eher kurzen) Elternzeit – danach geht es dann wieder zurück in die Vollzeitbeschäftigung. Warum? Aus finanziellen Gründen? Aus Karrieregründen? Aus eigener Motivation heraus? Aus Strukturgründen? Abgemachte Sache? Böse Zungen behaupten, im Büro sei es stressfreier als zuhause mit quängelndem Kind.

Der neue Mann – er hat es nicht leicht

Geld verdienen. Kinder erziehen. Spaß im Job. Guter Geliebter. Teamfähiger Partner. Kumpel bleiben. Ein noch recht junges Bild vom Mannsein, das viel von Männern abverlangt, aber auch von deren Frauen. Und das eine Bereitschaft, an den sich ständig verändernden Anforderungen an Partnerschaft und Elternsein zu arbeiten, voraussetzt.

Natürlich gibt es immer noch – und das aus verschiedensten Gründen so gewählt oder nicht gewählt – klassische Rollenmodelle. Vater arbeitet, Mutter daheim – oder umgekehrt. Wenn es für Eltern und Kinder gut ist, ist es gut so.

Schlafmangel, wenn die Kinder klein sind

Was wir aus Studien ebenfalls wissen ist: Ab einer Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche oder mehr, können Schlafstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, Magenbeschwerden und Kreislaufprobleme deutlich zunehmen. Als meine Kinder sehr klein waren, schlief ich kaum. Eigentlich waren es rund fünf schlaflose Jahre. Für mich als Langschläferin schwierig.

Ich war so unglaublich müde

Ich musste hin und wieder mittags schlafen, weil ich den Alltag sonst nicht gemeistert hätte. Kaum vorstellbar, wie es Müttern oder Vätern ergehen mag, die in dieser Zeit auch noch Vollzeit arbeiten. Viel reisen. Ständig auf Empfangsbereitschaft. Wenn, dann geht das aus meiner Sicht nur mit einer zusätzlichen festen Versorgungsperson – Oma, Opa, Kindermädchen, Au-pair. Ich jedenfalls hätte das nicht gekonnt. Und habe Achtung vor denen, die es tun.

Bei seiner Kraft sein

Was zählt ist, selbst in seiner Kraft zu sein. Immer wieder an den richtigen und notwendigen Stellen Energie zu tanken. Kopf frei, Bewegung, Denksport. Denn von ausgeglichenen Eltern haben auch die Kinder etwas.

Und wenn diese schließlich größer, eigensinniger und selbständiger werden, kommt ohnehin eine Zeit, in der die Zeichen für mehr eigenes Leben im Leben von Eltern wieder besser stehen. Für manche heißt das dann: wieder mehr arbeiten. Geht schneller als man denkt.

DeSelfie heißt: Sich selbst auf der Spur sein.

Hier findet man interessante Einblicke in eine Studie zum Thema Arbeitszeiten, Produktivität und Geschlechterverteilung.

Und hier eine OECD-Studie zum Thema “Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf”.

In einem weiteren DeSelfie schreibt die Autorin über ihre Erfahrungen mit einem autoritärem Chef.