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Der blinde Fleck in uns

DeSelfie beschreibt in diesem Fachartikel den sogenannten “blinden Fleck” –  Nein, nicht diesen, den Entdecker vor langer Zeit auf einer Landkarte mit Schiffen suchten. Es geht um jenen blinden Fleck, den wir finden, wenn wir uns auf die Reise zu uns Selbst begeben: zu unseren eigenen Wahrnehmungsmustern und der Frage, was Realität eigentlich ist.

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Was ist der “blinde Fleck”?

DeSelfie Wissen: Der blinde Fleck beschreibt alle Informationen (Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale), die einem Menschen unbekannt beziehungsweise unbewusst sind, aber von anderen Menschen wahrgenommen werden. Man könnte auch sagen, dass das die Seiten an uns sind, von denen uns unsere Mütter, Verwandten oder Partner schon seit Jahren berichten, aber die “sowas von nicht stimmen!”. Geprägt wurde dieser Begriff von den beiden Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham 1955 mit Hilfe des sogenannten “Johari-Fenster”.

Was ist das Johari- Fenster?

Das Johari Fenster wurde von den beiden Forschern aufgestellt, um zu verbildlichen, in welche Kategorien sich nach ihrer Auffassung Persönlichkeits- und Verhaltensmuster einteilen lassen. Dabei gibt es zwei Achsen, wie in Abbildung 1 deutlich wird: die eigene Sicht und die Sicht der anderen auf das Verhalten. Beide Gruppen können diese Merkmale bewusst und unbewusst wahrnehmen. Daraus ergeben sich vier Sichtweisen bezüglich sichtbarer Informationen zu unserer Person.

Abbildung 1: Johari-Fenster (Auch-Schwelk, 2014, S. 37)

Die “öffentliche Person” beinhaltet alle Informationen, die wir preisgeben und sichtbar machen – somit sind sie uns und anderen klar. Unsere Geheimnisse sind – wie der Name schon sagt – uns bewusst, aber wir lassen niemanden daran Teil haben. “Das Unbekannte” ist, wie Freud sagen würde, der große Teil der Eisbergs in uns und somit niemandem zugänglich. Und zuletzt der “blinde Fleck” – das, was die anderen wissen bzw. an mir erkennen, aber ich nicht sehe.

Muss ich für immer “blind” bleiben?

Nein, natürlich nicht! Das Gute am blinden Fleck ist ja, dass er anderen um uns herum bewusst ist – gerade den Menschen, die uns nahestehen. Feedback ist die gängigste Methode, um blinde Flecken sichtbar zu machen, wenn es wertschätzend kommuniziert wird. Wichtige Regel für konstruktives Feedback: dem Gegenüber das wahrnehmbare Verhalten schildern – ohne Bewertung. Wenn Sie jemand um Feedback bitten, können Sie diese Spielregeln gerne im Vorfeld abklären. Wichtig ist auch, dass der Feedback-Nehmer bereit ist, Sachen zu hören, die er im ersten Moment als unwahr oder falsch klassifizieren könnte. Er sollte  erst einmal dankend annehmen und darüber reflektieren, was er davon annehmen kann und was nicht. Ein Beispiel für schlechtes Feedback zeigt der Erfahrungsbericht von DeSelfie-Gründerin Dr. Astrid Dobmeier, in dem sie von einem ehemaligen Chef berichtet.

Was hat das mit Realität zu tun?

Der blinde Fleck ist ein gutes Beispiel, um zu verdeutlichen, dass jeder Mensch seine eigene Realität konstruiert. Teil der eigenen Realität ist unser Selbstbild, welches, wie oben beschrieben, Anteile besitzt, die uns unbewusst sind und somit nicht real für uns sind. Andere wiederum besitzen diese Informationen und beinhalten sie in ihrer Realität. Daher ist eine häufige Reaktion auf Informationen des Fremdbildes (=das Bild das andere auf uns haben): Verleugnung. Das Wissen über individuelle Realitäten kann helfen, Dinge nicht immer als richtig oder falsch zu klassifizieren und somit Feedback besser anzunehmen. Diese Informationen können wir somit besser in unsere Selbstreflexion integrieren und größere Selbstentwicklungsfortschritte erzielen. Die Erkenntnis individueller Realitäten ist ebenfalls ein Grundgedanke der Systemtheorien, die bei DeSelfie handlungsleitend sind.

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Quellen

Auch-Schwelk, A. (2014). Erfolgreich mit Selbstbewusstsein. Das “Ich bin Ich”-Prinzip. Freiburg: Haufe Verlag.

Turck, D., Faerber Y., Zielke C. (2007). Coaching als Instrument der Personal- und Organisationsentwicklung. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH + Co KG.

Bach, C. (2012). Mehr Wertschätzung und Anerkennung im Job. Wie Mitarbeiter und Führungskräfte die betriebliche Zusammenarbeit fördern und die Beziehungsqualität verbessern können. Hamburg: tredition GmbH