Nichts denken? Unwahrscheinlich.

Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir vor uns hinträumen, Luftlöcher starren, abschalten? Jedenfalls: nicht nichts. Verantwortlich dafür: das neuronale Netzwerk Default Mode Network (DMN) – auf Deutsch: Ruhezustandsnetzwerk. DeSelfie auf der Spurensuche nach dem Areal im Gehirn, das jede nach innen gerichtete Aufmerksamkeit unterstützt und immer dann aktiv ist, wenn es um Selbstreflexion geht.

Aus dem Fenster schauen – und … denken

Jeder kennt das. Wir sitzen in der Bahn am Fenster. Die Gedanken schweifen. Hin und wieder kommt ein Blitzlicht aus der Vergangenheit, wir sortieren es ein, bewerten oder verwerfen es wieder. Meist keine große, bewusste Sache – in unserem Hirn scheint etwas ganz natürlich und unbewusst zu fließen. Das kann beim Autofahren genauso passieren wie beim Singen, beim Musizieren, Lesen oder Tanzen. Dann, wenn wir eine Tätigkeit ohne große Anstrengung ausüben, tauchen Erinnerungssplitter auf, wir denken über Erlebnisse nach, bewerten sie, ordnen sie ein.

Das Gehirn ist bei Tagträumereien aktiv

Auch wenn wir also an scheinbar nichts denken oder einfach vor uns hinträumen, ist unser Gehirn aktiv. Es sortiert, kodiert, dekodiert, speichert – und verbindet neu, um sich für neue Aufgaben zu rüsten. Die Neurowissenschaft vermutet, dass dieses “Tagträumen” wichtig für die Identitätsbildung ist und Antworten auf Fragen wie “Wer bin ich?” oder “Was will ich?” findet. Aufgrund der Beschäftigung mit sich selbst gelingt es dem Gehirn, ein “Ich” aufrecht zu erhalten – selbst wenn es sich ständig verändert bzw. Veränderungen ausgesetzt ist.

Das Ruhezustandsnetzwerk hilft uns

Das Ruhezustandsnetzwerk wird in der Gehirnforschung mit Gedanken über die Vergangenheit, Zukunftsplanung und Kreativität in Verbindung gebracht. Im Alltag, vor allem wenn wir auf “Autopilot” schalten – morgens beim Aufstehen, Zähneputzen, Zusammenpacken, außer Haus gehen –  hilft es uns.

Es entstehen innere Bilder im Gehirn

Die Aktivität im Default Mode Network ist auch an der Produktion innerer Bilder beteiligt. Dabei kann man zwischen gewollten und ungewollten spontanen Gedanken unterscheiden. Wenn man bewusst Tagträumen will, springt beispielsweise ein Netzwerk an, dessen Aktivität zielgerichtetes Denken kennzeichnet. 

Vor allem kreative Ergebnisse lassen sich in “Gehirn-Ruhephasen” erzeugen. Kinder können das meist sehr gut: Es sind sehr kurze Momente, in denen unser Bewusstsein eine kleine Pause macht. Wir driften kurz weg und schauen irgendwohin, ohne konkret oder bewusst etwas wahrzunehmen.

Ästhetisches Empfinden könnte hier sitzen

Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Default Mode Network auch eine wichtige Rolle bei der Art und Weise spielt, wie Menschen auf Schönheit reagieren, die sie emotional bewegt.

Spannende Untersuchung: 1000 Gehirne

In der “1000-Gehirne-Studie” werden seit 2011 die Gehirne von rund 1300 Probanden im Alter zwischen 55 und 85 Jahren gescannt, 500 von ihnen sogar zweimal, um herauszufinden, wie und warum das menschliche Gehirn altert. Nervenzellen und ihre Verbindungen sterben beim Altern, auch die Hirnmasse verringert sich im Alter. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprachfähigkeiten und Orientierung bauen im Alter eher ab.

Starke Vernetzungen im Alter

Insgesamt ist das Gehirn alter Menschen stärker vernetzt als bei jüngeren Menschen  – das Gehirn organisiert seine Arbeitsweise um. Gehirne können unterschiedlich schnell altern, wofür eine Kombination aus genetischer Basis, Lebensstil und Umwelteinflüssen verantwortlich sein dürfte.

Interessant?

Wir von DeSelfie finden die Zusammenhänge von Neurowissenschaften und Selbstreflexion sehr spannend. Hier ein Artikel über Veränderungen und Gehirnforschung.

Und hier ein Artikel zum Thema Gehirn-Neustart:

https://www.deselfie.de/gehirn-neustart/

Weiterführende Literatur

Vessel, Edward A., u.a. (2019): The default-mode network represents aesthetic appeal that generalizes across visual domains.


Stangl, W. (2020). Stichwort: ‘Default Mode Network – DMN’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.