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Selbstreflexion und Wachstum durch den Job im Großkonzern: ein persönlicher Erfahrungsbericht

Samuel, Jahrgang 1995, schreibt über seine Berufserfahrungen nach dem Bachelor. Ein einfühlsamer Longform-Read über Arbeit und Selbstreflexion, für den man sich ausreichend Zeit und Muße nehmen sollte. Samuel reflektiert Motivation, Erwartungen und Gelerntes. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Soziale Akzeptanz, Wertschätzung und Freundschaft sind ihm wichtiger als das monatliche Gehalt. Geprägt haben ihn wertvolle Erfahrungen aus seiner Ursprungsfamilie.

Vielen Dank für alle Fotos an: pexels.com

Verlockung Automobilbranche

Nachdem ich mein Bachelorstudium der Wirtschaftspsychologie beendet hatte, brannte ich darauf, erste Arbeitserfahrungen sammeln zu dürfen. Schon von klein auf faszinierte mich das Thema Auto. Die Chance, ein halbes Jahr praktische Erfahrungen in einem der führenden, deutschen Unternehmen der Automobilindustrie zu sammeln, schien verlockend.

In meinem Studium hatte ich mich während des vierten und fünften Fachsemesters für die Schwerpunkte der Personal- sowie Organisationspsychologie entschieden. Mein Interesse für diese beiden Bereiche führte zu dem Entschluss, mich im P-Ressort – Personalressort – des Konzerns zu bewerben.

Verschlungene Bewerbungswege

Meine Bewerbung ging an eine Stelle im Bereich der „Führungskräfteentwicklung“. Leider wurde ich für diese Stelle nicht berücksichtigt, was mich zunächst enttäuschte. Im Karriereportal des Konzerns besteht aber die Möglichkeit, sich initial im Bewerberpool freischalten zu lassen. Falls man für die präferierte Stelle nicht ausgewählt wird, besteht die Chance, dass andere Abteilungen auf die eigene Person aufmerksam werden und von ihrer Seite aus ein Praktikum anbieten.

Mir wurde vom Unternehmen daraufhin ein halbjähriges Praktikum in einer anderen Abteilung angeboten: Diese beschäftigt sich mit den Fachprozessen rund um das Thema Qualitätsmanagement. So kam ich an die Stelle im Unternehmen, an der ich mein halbjähriges Praktikum absolvierte.

Das Bewerbungsgespräch

Zuerst war ich skeptisch, da sich das mir vorgeschlagene Praktikum nicht nach dem anhörte, was ich mir für meine Zukunft vorstellen konnte. In einem Telefonat mit der verantwortlichen Praktikantenbetreuerin stellte sich heraus, dass ich im Bereich des Kompetenzmanagements tätig sein könnte. Mein Interesse war geweckt.

Schließlich hatte ich dann mein Bewerbungsgespräch im Forschungs- und Innovationszentrum des Konzerns. Ich erinnere mich noch gut daran, es war ein heißer Tag, meine Aufregung war immens und ich hatte extra einen früheren Zug genommen, um auf alle Fälle pünktlich zu sein. Im Forschungszentrum angekommen, war ich überwältigt von der Größe der Fläche: Der Standort beherbergt etwa 20.000 Mitarbeiter!

Die Zusage: Stelle bekommen!

Zu meinem Vorstellungstermin wurde ich pünktlich in der Empfangshalle abgeholt. Wie sich herausstellte: von der Praktikantin, deren Nachfolge ich antreten sollte. Nachdem ich meinen Besucherausweis erhielt, ging es in die Konferenzzone. Dort trafen wir meinen zukünftigen, stellvertretenden Abteilungsleiter.

Das Gespräch verlief nach meinen Vorstellungen und beide Parteien schienen zufrieden. Wenige Tage später erhielt ich die positive Rückmeldung, dass die Abteilung sich zwischen zahlreichen anderen Bewerbern für mich entschieden hat.

Meine erste Woche

Mein erster Arbeitstag bestand hauptsächlich daraus, einen ersten Überblick über das Büro, die Kollegen und die täglichen Abläufe zu gewinnen. Die erste Woche verging – und mein Praktikantenkollege und ich verbrachten die Zeit überwiegend damit, Postfächer zu sortieren, Excel-Tabellen zu aktualisieren und Telefonate zu führen, für die sonst niemand Zeit fand. Nach den geführten Vorgesprächen hatte ich mir meine Tätigkeiten anders vorgestellt.

Und schon im 9-5-Trott

Persönliche Unzufriedenheit entsteht immer dann, wenn die Erwartungen nicht die Realität widerspiegeln. Ich merkte relativ schnell für mich, dass ein Alltag im Büro keine erfüllende Tätigkeit für mich sein kann. Schnell fand ich mich im „9-5-Trott“, der daraus bestand, um 6 Uhr morgens aufzustehen, den ICE um 7:08Uhr Richtung München zu nehmen, während der Fahrt nochmal eine Mütze Schlaf abzubekommen, die vorhersagbaren Aufgaben im Büro zu erfüllen um dann gegen 17Uhr den ICE zurück nach Hause zu erwischen.

Stellenwert sozialer Berufe in meiner Familie

In meiner Familie üben alle soziale Berufe aus, die ein hohes Maß an Empathie erfordern: Mein Vater ist Psychologischer Psychotherapeut, meine Mutter ist in der Erwachsenenbildung tätig, mein älterer Bruder studiert ebenfalls Psychologie. Deshalb sind mir zwischenmenschlicher Austausch, das Vermitteln von Wissen und offene Kommunikation sehr wichtig.

Erfahrungen im Großraumbüro

Es ist mir bewusst, dass ich keine repräsentative Aussage treffen kann, über eines von hunderten Großraumbüros, das ich während meiner Praktikantenzeit kennen lernen durfte.

Dennoch möchte ich meine Situation im Büro so bewerten, dass zwar ein gemeinsames Arbeitsumfeld geschaffen wurde, das aber, trotz räumlicher Nähe der Personen zueinander, meiner Meinung nach nicht zu verbesserter Produktivität und Kommunikation führte.

Wenig Zeit für Praktikanten

Praktikanten wurden dazu angehalten, Fragen zu stellen, sobald etwas unklar sei. In der Realität fehlte aber leider oft die Zeit oder der Wille der Kollegen, diese Fragen adäquat zu beantworten.

Unser Großraumbüro wurde von zwei Abteilungen genutzt. Die Praktikanten saßen gemeinsam am Praktikantentisch. Als ich das erste Mal das Büro betrat, waren wir noch zu sechst. Mit der Zeit verließen uns ein paar der Praktikanten, die ihr Praktikum nach sechs Monaten beendet hatten und wurden nachbesetzt. Den Großteil meiner Zeit verbrachte ich mit zwei anderen Praktikanten, die in meinem Alter waren.

Ein Plus: das Praktikanten-Team

Rückblickend war vor allem die Beziehung der Praktikanten untereinander das, was die Arbeit für mich positiv geprägt hat. Die Atmosphäre am Tisch der Praktikanten würde ich als durchweg positiv, unterstützend und wertschätzend beschreiben. Durch die tägliche Zusammenarbeit, die räumliche Nähe und gegenseitige Unterstützung wurde aus uns Dreien ein belastbares und verlässliches Team, das unsere Abteilung wertig vertreten konnte.

Die Kommunikation, die ich wie Anfangs erwähnt, sehr wichtig finde, war immer offen und jeder konnte sein Stärken einbringen, falls es bei Schwierigkeiten von Nöten war. Durch die enge Zusammenarbeit entstand eine Freundschaft, die über das Praktikum hinaus anhält und mir viel Energie während des halben Jahres gegeben hat. Hier hat sich für mich gezeigt, dass soziale Akzeptanz, Wertschätzung und Freundschaft weitaus bedeutender sind als das monatliche Gehalt.

Ein Zwischengespräch, ein Endgespräch

Jeder Praktikant, der für sechs Monate Teil des Unternehmens wird, erhält nach drei Monaten ein Zwischengespräch, sowie ein Endgespräch im letzten Monat des Praktikums. Dieses findet immer mit dem zugeordneten Betreuer, sowie dem Praktikantenkoordinator der jeweiligen Abteilung, statt und dauert etwa 60 Minuten.

Das Gespräch basiert auf dem Abgleich einer Selbst- und Fremdeinschätzung in folgenden Bereichen: analytisches Denken, Kunden- und Qualitätsorientierung aber auch soziale Fähigkeiten wie Kommunikationsfähigkeit oder Teamfähigkeit. Des Weiteren wird Rücksprache gehalten, ob das Wohlbefinden des Praktikanten stimmt, es werden in der Vergangenheit absolvierte Aufgaben evaluiert sowie weitere Ziele des Praktikanten definiert.

Das Zwischengespräch führte bei mir dazu, dass sich sowohl die Qualität, als auch meine Arbeitsorganisation verbesserten.

Im Abschlussgespräch beruht die Bewertung nicht mehr auf dem Abgleich der Fremd- und Selbsteinschätzung, sondern wird dem Praktikanten in Form seines Arbeitszeugnisses mitgeteilt. Diese Gespräche habe ich als äußerst wichtig für mich empfunden, da man hier Wertschätzung erfährt, Raum erhält um Wünsche und Verbesserungen anzubringen sowie eine Rückmeldung über die eigene Person erhält.

Selbstreflexion und Wachstum durch den Job

Nachdem ich meinen Bachelor der Wirtschaftspsychologie abgeschlossen hatte, war ich bereit, erste Arbeitserfahrungen zu sammeln. Ich bin sehr froh darüber, dass ich in einem so großen und renommierten Unternehmen ein Arbeitsverhältnis über sechs Monate bekommen habe und mit einem überdurchschnittlich guten Arbeitszeugnis mein Praktikum dort abschließen konnte.

In diesem halben Jahr habe ich viel über meine intrinsische Motivation, den sozialen Aspekt von Arbeit, als auch über die Vor- und Nachteile einer großen Firma gelernt.

Herausgefunden, was ich nicht will

Möchte ich das halbe Jahr Erfahrungen missen? Diese Antwort kann ich für mich ganz klar mit einem Nein beantworten. Könnte ich die von mir während des Praktikums ausgeführten Aufgaben ein Leben lang durchführen und würde ich damit glücklich werden? Hier wäre die Antwort ebenfalls Nein. Dennoch ordne ich diese Erfahrung als positiv und wachstumsfördernd ein.

Ich habe mich mit Aufgaben beschäftigt, die mich gefordert haben. Sie haben mich Neues lernen lassen und größtenteils Spaß gemacht haben. Durch mein halbes Jahr für das Unternehmen kann ich für mich ausschließen, dass die Festanstellung in einer solch großen Firma mein größtes Ziel ist. Sicherlich ist die Marke selbst eine der anziehungsstärksten Brandings in Deutschland und bietet viele Benefits, dennoch misse ich die soziale Komponente.

Für mich zählen andere Werte

Ich möchte mehr Interaktion mit anderen Menschen, ich möchte ihnen helfen, durch Kommunikation Wachstum zu erleben und eventuell sogar selbst daran wachsen. Die Aufgabe, die mir die meiste Zufriedenheit gegeben hat, war das Recruiting neuer Praktikanten und die Gespräche mit ihnen. Für mich war es sehr wichtig, geeignete Kandidaten nachzubesetzen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Am wenigsten Freude hatte ich mit der Dokumentenpflege und Aktualisierung diverser Excel Templates und Arbeitsanweisungen.

Wertvollste Erfahrung im bisherigen Leben

Ich bekam oft das Feedback meiner Freunde, dass es ihnen leid täte, dass ich nicht die richtige Beschäftigung für mich gefunden habe. Meiner Einschätzung nach war dieses halbe Jahr jedoch eine der wertvollsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben bisher machen durfte. Selbst wenn ich in meiner Tätigkeit nicht komplett aufgehen konnte, habe ich doch Neues gelernt, Freundschaften geschlossen und kann jetzt besser für mich sagen, wohin mein Weg mich führen soll.

Eine prägende Zeit

Ich möchte die Zeit nicht missen und bin froh über jede Aufgabe, die mich dazu gebracht hat über mich hinauszuwachsen. Die erste Arbeitserfahrung ist vermutlich sehr prägend – und ich bin zufrieden damit, wie es sich für mich ergeben hat.

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DeSelfie heißt, sich selbst auf der Spur sein.