Was mir auf meiner Reise bewusst wurde

In diesem DeSelfie schreibt Carina (22) von der DeSelfie-Redaktion, was sie in ihrer vierwöchigen Reise durch Indonesien über sich selber herausfand – und wie ihr mehrere Aha-Erlebnisse dazu verhalfen, bewusster durchs Leben zu gehen. Sie schreibt darüber wie es ist, wenn das Leben manchmal an einem vorbeirauscht. Und was man dagegen tun kann. Wachstum durch Selbstreflexion: ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Ich erinnere mich noch zu gut, wie ein Freund mir vor drei, vier Jahren erzählte, dass er alleine auf Reisen war. „Oh Gott das wäre ja gar nichts für mich. Ich möchte meine schönen Erlebnisse doch teilen und überhaupt wird dir da nicht langweilig?“ entgegnete ich damals.

Ironischerweise befand ich mich nun in genau dieser Situation: freiwillig und selbstgewählt wohl gemerkt.

Eine Reise als Belohnung

Nach meinem Bachelorstudium entschied ich mich, mir eine Reise als Lohn für das Studium zu gönnen. Allerdings hatte ich keine Lust, auf irgendwas zu verzichten oder mich nach anderen Personen richten zu müssen wie ich es aus Urlauben mit Freunden oder meiner Familie gewohnt war. Und überhaupt: Wieso sollte ich denn warten, bis eine meiner Freundinnen oder Freunde Urlaub bekommt, um mit mir zu reisen? Man lebt ja nur einmal und ich möchte in dieser Zeit ziemlich viel sehen. Also buchte ich entschlossen meinen Flug nach Bali.

Die Bedenken meiner Mutter

Während der Vorbereitungen hatte ich keinerlei Bedenken – ganz anders als meine Mutter, die sich als Ärztin jetzt schon Gedanken machte, woran ich erkranken könnte. Ich informierte mich bei meinen Freunden, denn viele waren ja schon in Indonesien gewesen und ich fühlte mich eigentlich recht gut vorbereitet. Außerdem flog ich ja mit dem Wissen, die wahrscheinlich größte Reiseapotheke der Welt mit mir zu führen!

Ganz schön mutig

Im Flugzeug saß ein älteres Pärchen neben mir und wir kamen in ein nettes Gespräch. Nicht lange dauerte es, bis die Dame mir einen unangenehmen Blick zuwarf und äußerte „Hm…mal eine Frage, bist du eigentlich alleine unterwegs?“. Selbstbewusst gab ich von mir „Ja, natürlich!“, worauf ich ein „Mutig, mutig“ entgegnet bekam.

Eine persönliche Challenge

Im Hotel angekommen – nach einer gefühlt drei Tage lagen Reise und der Begrüßung durch ein tropisches Gewitter  – verlor ich abends in der Unterkunft das Selbstbewusstsein jedoch und mir kamen dann doch die ersten Zweifel. “Oje, was habe ich da getan? Wie bin ich nur auf eine so dumme Idee gekommen? Was ist denn, wenn ich hier niemanden kennen lerne? Kann ich das überhaupt: alleinesein?“. Ich sah diese Reise teilweise wie eine kleine persönliche Challenge, denn ich bin mit drei älteren Geschwistern aufgewachsen. Daher kenne ich es gar nicht, so gut wie niemanden in meiner Umgebung zu haben und ich redete mir auch ein, das überhaupt nicht zu mögen. Trotz aller Gedanken fielen mir die Augen zu.

Kennenlernen am ersten Tag

Und da war er schon: der erste  Tag. Und ich hatte erst einmal ordentlich verschlafen Dank Jetlag. Ich eilte also, um mir eine Simkarte zu kaufen und düste mit dem Roller gleich an den Strand. Immerhin bin ich ja genau dafür so weit gereist. Schon auf dem Weg runter zu den Treppen lernte ich einen ganz netten Balinesen kennen. Er ließ mich Teil haben an seiner hinduistischen Zeremonie. Darauf legte ich mich an den Strand und nicht einmal zwei Minuten später kam ich schon wieder in das Gespräch mit einem Jungen und einem Mädchen. Kurz darauf lernte ich eine Gruppe von sieben Deutschen kennen, wir gingen gemeinsam Abendessen und am nächsten Tag reiste ich sowieso schon weiter in den nächsten Ort. Von der Unsicherheit war nichts mehr zu spüren.

Hinduistisch Zeremonie

Ab diesen Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, in einem Paralleluniversum zu reisen in dem andere Zeitgesetze galten. Die Tage rauschten nur so an mir vorbei. Ich lernte Sri Lanker, Australier, Amerikaner alle möglichen Leute kennen, surfte, machte Yoga – achja dreimal am Tag essen musste ich ja auch noch! Schlussendlich lernte ich eine Schweizerin kennen, die eine recht ähnliche Route wie ich im Kopf hatte – und daher beschlossen wir gemeinsam zu reisen.

Spontane Reisebekanntschaft

Die Reise mit der Schweizerin begann in Changgu, worauf wir circa noch fünf weitere Stops auf Bali, kleinen Inseln zwischen Bali und Lombok und letztendlich Lombok zurück legten. Obwohl ich der Meinung war, genau das zu tun was ich will, spürte ich nach circa 1,5 Wochen eine gewisse Unzufriedenheit. “Typisch Deutsch – ich hab alles und trotzdem gibt es etwas zu meckern dachte ich mir!” Was mich allerdings viel mehr störte, war nicht zu wissen woher diese Gefühl jetzt eigentlich kommt. Ich merkte nur langsam, dass ich von der Schweizerin etwas genervt war – ohne das sie wirklich was tat. Natürlich waren wir unterschiedlich und hatten andere Vorstellungen von Urlaub. Allerdings fand ich das bisher recht angenehm, da wir viel voneinander lernten und auch gute Pläne zusammen aufstellten. In brenzligen Situationen waren wir füreinander da.

Naja – schließlich kapselte ich mich doch einmal ab von der Schweizerin, um etwas Yoga am Strand zu machen und zu lesen. Mir ging es schon deutlich besser danach, hinterfragte jedoch die negativen Gefühle nicht weiter oder auch, warum mir gerade das nun gut getan hat.

Was gefiel mir am besten?

Darauf reiste ich in Lombok noch mit einem Jungen weiter, den ich ganz am Anfang kennengelernt hatte – witzigerweise hatten wir einen guten gemeinsamen Freund und das schaffte gleich eine große Vertrauensbasis, um zusammen zu reisen. Wir verbrachten noch eine gute Zeit die letzten Tage in Kuta, Lombok. Und ich weiß nicht, ob es an diesem Abend lag, aber es war definitiv einer meiner Lieblingsorte der Reise. Wir saßen gemütlich auf der “Terrasse” und redeten über unsere bisherigen Erlebnisse. Für mich gefühlt wie aus dem Nichts kam schließlich die Frage “Was hat dir eigentlich am besten hier gefallen?”.

Keine Ahnung, nicht darüber nachgedacht

Nun saß ich da – und war ganz schön verdutzt. Man könnte meinen, das sei die normalste Frage der Welt?! Doch so schnell hatte ich keine Antwort parat.  Denn ich hatte nicht darüber nachgedacht. Geschweige denn mich mit jemandem darüber ausgetauscht. Wie denn auch? Ich war ja nie alleine – obwohl ich unter anderem nur deswegen alleine auf Reisen gegangen bin.

Endlich einen Stop eingelegt

Die Jungs zogen diesen Abend noch weiter und ich blieb daheim und verbrachte den nächsten Tag komplett alleine. Mir wurden viele Sachen von dieser Reise (und vorherigen Geschnissen in meinem Leben) auf einmal bewusst und das machte sehr glücklich. Ich glaube, ich habe zu oft verpasst, einen Stop einzulegen und mich zu fragen: Wie war das jetzt eigentlich für mich? Was hat mir gefallen, was nicht? Was möchte ich mitnehmen in mein weiteres Leben?

Wachstum durch Selbstreflexion

Mir wurde beispielsweise bewusst, dass mir die Schweizerin einfach viel zu durchgeplant war. Das klingt jetzt im ersten Moment so als würde ich die Schuld von mir abschieben. Jedoch bewertete ich die Situation nicht à la “Klar lief alles schief, sie hat das ja eh geplant”, sondern ein “in Zukunft möchte ich mich früher selber hinterfragen, was mich stört an der Situation und komplementär handeln”. Denn es nervte mich nicht, dass die Schweizerin durchgeplant war, es nervt mich, dass ich nicht kommuniziert habe “Hey guter Plan, ich wünsche dir viel Spaß dabei, aber ich möchte mich morgen einfach mal alleine an den Strand legen”.

Besitz wiegt schwer

Die Erkenntnisse prasselten auf mich ein – viele davon schon länger bewusst aber nie wirklich ausgesprochen. Ich hatte mir dafür einfach keine Zeit genommen.  Dazu zählte beispielsweise mein Rucksack. Man merkt erst, wie belastend Besitz ist, wenn man ihn einmal wortwörtlich auf den Schultern trägt. Mir wurde einfach klar, wie unnötig es ist, so viel zu besitzen, aber nicht ein einziges mal zu benutzen. Ich hätte in diesen vier Wochen locker mit sechs Kleidungsstücken auskommen können und genau dasselbe stellte ich mit meinen Klamotten zuhause fest.

Sieben Müllsäcke ausgemistet

Ich mistete sieben Müllsäcke an Klamotten aus nach dieser Reise. Mir brannte es förmlich unter den Fingern, dies nach meiner Reise zu tun, obwohl ich gefühlt jahrelang wirklich jede Postkarte, jedes Kinoticket und jedes ausgemistete Kleidungsstück meine Schwester gebunkert habe. Ich meinte mich von nichts trennen zu können, aber da wurde ich auf dieser Reise eines Besseren belehrt.

Am besten: alles auf einmal

Neben einigen reisespezifische Sachen lernte ich vor allem sehr wichtige Dinge über mich selbst. Erstaunlicherweise waren diese jedem anderen außer mir bereits bekannt und bewusst. Ich hatte mir auf dieser Reise (und für mein Leben) einfach viel zu viel vorgenommen. In vier Wochen war ich an neun verschiedenen Orten, wollte Surf- und Yoga-Profi gleichzeitig werden, meinen Tauchschein machen und alles in jedem Ort erkundet, gegessen und ausprobiert haben.

Alles – aber nichts richtig

Dabei wollte ich dann auch noch ab und zu von dort aus arbeiten – und mir eine Wohnung in Wien suchen, da ich eine Woche nach meiner Rückkehr dorthin umziehen wollte. Das klappte auch irgendwie, und eigentlich machte ich alles – aber nichts so richtig. Beim Surfen machte ich keine Fortschritte, da es immer wieder ein neuer Strand, ein neues Board und ein neuer Lehrer war. Zum Yoga kam ich viel zu selten, zumindest weniger als ich es in meinem Urlaub wollte, und die Orte genießen konnte ich auch nicht so wirklich, denn dafür war einfach zu wenig Zeit. Und das Arbeiten machte immer wieder richtig Spaß, aber eigentlich ist man doch produktiver, wenn man gleich fünf Stunden durchschreiben und nicht hier und da eine Stunde.

Jetzt höre ich die Stimme

Deswegen werde ich in Zukunft entspannter und bewusster reisen und bin auch in meiner privaten Freizeit fokussierter geworden. Es macht tatsächlich keinen Sinn auf zehn Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen! Und auch, wenn das jedem in meinem engen Kreis bewusst war, war ich noch in meinem “Ich schaff das schon, alles unter einen Hut zu bringen … hat bis jetzt doch auch immer geklappt!”-Modus gefangen. Natürlich nehme ich mir immer noch manchmal/oft zu viel vor, aber die Stimme in meinem Kopf, die mich bittet, noch mal zu hinterfragen, ob das wirklich Sinn macht, höre ich jetzt.

Viele Aha-Erlebnisse

Jedes meiner “Aha-Erlebnisse” zu erklären, würde diesen Artikel sprengen. Das wichtigste für mich persönlich ist mein Entschluss, mir einmal im Monat einen “Me-Day” zu gönnen. Ein Tag ohne Arbeit und andere Menschen. Ein Tag nur mit mir. Ich hatte vor meiner Reise nie das Bewusstsein dafür, wie sehr ich diese Zeit brauche und noch keine Routine entwickelt. Darüber hinaus bin ich mir auch sicher, dass es vielen extrovertierten Menschen, wie ich einer bin, genauso schwer fällt oder vielleicht noch unbewusst ist.

Mehr über mich selbst erfahren

Ich für meinen Teil lerne an diesen Tagen immer ein bisschen mehr über mich und bin nach diesen Tagen stets motivierter, zufriedener und klarer, wie ich mein Leben führen möchte – und das ich genau das steuern kann. Ich möchte nicht mehr das Gefühl erleben, dass meine Zeit an mir vorbei rauscht (obwohl Klausurenphasen auch bei mir davon noch ausgenommen sind).

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