5 (100%) 11 votes

Entwicklung durch Stille und Reflexion

In diesem DeSelfie schreibt unsere Londoner Autorin Charlotte Friedrich (26), was sie in einem zehntägigen Schweigeretreat gelernt hat. Was sie heute davon in ihrem Alltag brauchen kann und wie ihr diese rigorose Form auch heute zu mehr Bewusstheit verhalf.  Wachstum durch Stille und Selbstreflexion: ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Thx to Gratisography

Es ist vier Uhr morgens und eine Glocke schallt durch das Mediationszentrum in einem abgeschiedenen Tal des Himalaya Gebirges. Wie in Trance rolle ich aus meinem Bett. Mein müdes Gehirn versucht sich daran zu erinnern, welcher Tag es ist. Tag drei. Tag drei von zehn. „Du hast die letzten beiden Tage geschafft, dann überstehst du auch heute“, rede ich mir zu, als ich beginne, mich anzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass dies der schwerste, aber auch erkenntnisreichste Tag des zehntägigen Kurses werden wird.

Es ist kalt und dunkel und durch den Vorhang kann ich hören, dass auch meiner Zimmernachbarin das Wecksignal nicht entgangen ist. Auf dem Weg ins Bad treffen sich für einen Moment unsere Blicke – der erste Blickkontakt in drei Tagen. Die Verzweiflung ist uns ins Gesicht geschrieben und wir können nicht anders, wir fangen aus tiefem Herzen an zu lachen. Irgendwie ist diese Situation einfach bizarr.

Wie bin ich hier eigentlich gelandet?

Mein Interesse an Yoga und Meditation ist nichts Neues. Auch Indien faszinierte mich schon seit meiner Kindheit, während jener mir mein Onkel, der sehr viel reist, immer die exotischsten Geschenke mitbrachte: bunte Hennafarben und farbenprächtige Saris wirkten damals auf mich wie aus einem Märchen. Indien stand also schon lange auf meiner Reiseliste. Mein Onkel erzählte mir auch das erste Mal von Vipassana-Meditation und den zehntägigen Retreats, die er mindestens einmal im Jahr besucht. Das nächste Mal stolperte ich dann in meiner Yogalehrerausbildung über diese Meditationsform. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem eine meiner Lehrerinnen davon erzählte, wie diese Erfahrung ihr Leben veränderte … sie würde jedem empfehlen, es wenigstens einmal zu testen. Das war schließlich der noch entscheidende Anstoß, den ich brauchte.

Und plötzlich war die Chance da

Als mein Arbeitsvertrag vor dem Beginn meines Masterstudiums auslief, entschied ich mich, ihn nicht zu verlängern. Stattdessen buchte ich kurzentschlossen einen Flug nach Delhi. Ich verbrachte fast einen Monat in Rishikesh, einer heiligen Hindustätte, die im Westen vor allem bekannt für ihre nahezu unbegrenzte Auswahl an Yogalehrerausbildungen ist und dafür, dass dort in den 1960ern die Beatles meditieren lernten. Als ich mich auf den Weg zum Vipassana-Kurs machte, vier Stunden durchs indische Hinterland mit diversen Rikschas und Bussen, war mir nicht genau klar, worauf ich mich hier eingelassen hatte.

Thx to Gratisography

Tag drei

Das Tagesprogramm ist durchgetaktet: 30 Minuten nach dem ersten Wecksignal sitzen wir schon auf unseren Mediationskissen zusammen mit ungefähr 60 anderen. Die Männer rechts, die Frauen links. Mantras schallen durch die Dhamma Halle und schwer verständliche Tonbandaufnahmen leiten die Morgenmediation ein. Wir sitzen zwei Stunden lang, bis es Frühstück gibt. Insgesamt elf Stunden pro Tag, unterbrochen von Mittagspause und Nachmittagstee. Bewegungslos, im Idealfall, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das kleine Dreieck zwischen Nasenflügeln und Oberlippe und beobachten die Empfindungen, die unser Atem auf der Haut erzeugt.

Vor den fortgeschrittenen Techniken müssen wir erst lernen, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Bleibe gleichmütig

Vipassana soll auf diese Weise von Gotama, dem Buddha, vor über 2500 Jahren gelehrt worden sein. Über die nächsten Tage wird die Technik weiter verfeinert, bis jede Zelle des Körpers von unserem Bewusstsein durchdrungen ist. Wir scannen unsere Körper von Kopf bis Fuß, während wir versuchen, weder Verlangen noch Abneigung gegen die aufkommenden Empfindungen und Emotionen zu entwickeln. „Remain equanimous“ – “bleibe gleichmütig“,  werden wir wieder und wieder erinnert. Davon bin ich gerade noch weit entfernt. Meine Gleichmütigkeit hält sich in Grenzen. Inzwischen habe ich innerlich diverse Kochbücher geschrieben und zwischendrin spielt mein Gehirn auch mal Weihnachtslieder. Das ist der angenehme Teil.

Mein ganzer Körper tut weh.

Vom Sitzen schmerzen meine Hüften und mein Rücken. Die Beine schlafen mir meistens in den ersten zehn Minuten ein. Mich nicht zu bewegen ist ein innerer Kampf. Schlimmer noch sind die Empfindungen, die tiefer in meinem Körper auf mich warten und die damit verbundenen Emotionen. Was sich zu Beginn noch anfühlt wie Langeweile oder Frustration, fängt an, sich aufzubäumen. Ich versuche still zu sitzen, aber das Bedürfnis aufzuspringen und einfach aus der Halle zu rennen wird immer größer. Als sich die Emotionen in meinem Körper ausbreiten und immer unerträglicher werden, verliere ich jegliches Empfinden für Raum und Zeit. Da ist nur der Kampf, all das was gerade hochkommt, nicht fühlen zu wollen. Und dann, ganz leise, sagt ein Teil von mir, „Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Gib den Widerstand auf. Atme.“

Und plötzlich verändert sich alles

Die Emotionen beginnen, sich zu wandeln. Ich atme und atme und atme. Die unklare Mischung von Empfindungen verwandelt sich in tiefe Trauer und ich spüre wie eine Welle nach der anderen durch meine Körper läuft. Und wie ich mit jeder Welle immer leichter werde. Der Schmerz in meinem Körper beginnt zu verschwinden, der Druck in meinem Kopf lässt nach und stattdessen breitet sich ein Gefühl tiefer Ruhe aus, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte.

Nach zehn Tagen fällt es mir gar nicht mehr schwer, eine Stunde lang ruhig zu sitzen. Es gibt tatsächlich immer wieder Momente, in denen sich mein Körper komplett schwerelos und grenzenlos anfühlt – und mein Geist tiefe Ruhe findet. Als wir am Morgen des letzten Tages wieder miteinander sprechen dürfen, fühle ich mich noch nicht wieder dazu bereit. Stattdessen sitze ich noch etwas in der Sonne und genieße die letzten Momente der Stille.

Thx to Gratisography

Würde ich es wieder machen?

Nein, wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht auf diese Art und Weise. Die Mediationstechnik an sich oder zumindest die Art, in der sie gelehrt wurde, war mir zu rigoros. Aber das macht nichts, denn es gibt tausende Arten zu meditieren. Einer meiner Lehrer hat das mal ganz passend ausgedrückt: Meditation ist wie Dating. Nur weil es beim ersten Date nicht klappt, gibst du ja Dating nicht gleich komplett auf. Und während ich mich inzwischen für eine Langzeitbeziehung mit einer anderen Methode entschieden habe, hat mir meine zehntägige Vipassana-Affaire doch einiges beigebracht.

Die Stille genießen und die eigenen Sinne ganz neu wahrnehmen

Einfach mal still zu sein ist gar nicht so schlimm, wie es für viele von uns vielleicht klingt. Ich kann Stille jetzt sogar besonders genießen, denn sie gibt allen anderen Sinneseindrücken mehr Raum. Beim Essen zum Beispiel. Wann nehmen wir uns eigentlich einmal Zeit, richtig zu schmecken, zu riechen, die unterschiedliche Konsistenzen zu entdecken? Zu Beginn genügt es vielleicht auch, eine Mahlzeit in Stille einzunehmen, ganz ohne Smartphone oder andere Ablenkungen.

Alleine sein oder einsam – schon ein Lächeln macht einen Unterschied

Ich habe gelernt, dass man tiefe Beziehungen zu anderen auch ohne Worte aufbauen kann.

In der gleichen Lage zu sein verbindet uns. Ein ungeplanter Blickkontakt kann reichen. Augen, die sagen, „Ich weiß was du fühlst. Ich bin hier. Zusammen schaffen wir das.“ Mit meiner Zimmernachbarin bin ich jedenfalls immer noch befreundet. Manchmal erinnern mich Kleinigkeiten an unsere gemeinsame Zeit. Dann lächle ich in mich hinein und staune darüber, wie heilsam die kleinste Geste von Mitgefühl sein kann, wenn man sie gerade dringend braucht.

An sich selber glauben

Diese Zeit hat mein Durchhaltevermögen und den Glauben in mich selbst enorm gestärkt. Vor dem Retreat dachte ich, das bekomme ich locker hin. Während meiner Reisen habe ich so einige verrückte und herausfordernde Sachen gemacht, bei 40 Grad Thai-Boxen in Thailand zum Beispiel. Yoga und Meditation waren mir nun auch nicht ganz neu. Aber das hier ist etwas ganz anderes: Plötzlich komplett mit seinen Gedanken und Emotionen allein zu sein, war sicherlich das herausforderndste Erlebnis, in das ich mich bis dahin freiwillig begeben hatte.

Am Ende der zehn Tage wurde mir klar, ich wollte hunderte Male aufgeben, aber ich hatte es geschafft. Von Stunde zu Stunde, von Moment zu Moment. Und ich hatte das Gefühl, auf diese Art kann ich alles bewältigen.

Ganz neu mit Emotionen umgehen

Vor allem habe ich aber gelernt, dass es sich lohnt, mit den unangenehmen Gefühlen zu sitzen. Ich mag diesen Ausdruck. Das klingt für mich wie zwei Freunde, die geduldig für einander da sind, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Dennoch, oft ist die Verführung groß, uns auf die ein oder andere Weise abzulenken, sobald sich etwas nicht „gut“ anfühlt. Wenn wir unsere Emotionen zu lange ignorieren, können die Folgen schwerwiegend sein. Von Unruhe und Angst, über Depression und Burnout, bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen.

Doch wenn wir unsere Emotionen einfach mal „aussitzen“, bis sie bereit sind ihre wahre Natur zu offenbaren, dann können wir den angestauten Schmerz, die Wut oder die Trauer loslassen und es kann sich eine neue Klarheit und Leichtigkeit ausbreiten.

Vipassana Meditationen sind weltweit kostenlos zugänglich, zum Beispiel hier.

 

Auch interessant?

Ihnen hat dieses DeSelfie gefallen? Dann lesen Sie Reiseerfahrungen unserer Autorin Carina – auf ihrer ersten Reise, die sie alleine antrat, sind ihr viele Dinge im Leben bewusster geworden.

Und hier schreibt unsere Autorin Eliana, wie sie die Erfahrungen in einer Krise gestärkt haben.