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Warum eine Balancefindung aus Agilität und Entschleunigung immer wichtiger werden wird

Vielen Dank, Jan Füchtjohann, für das wunderbare Essay in der Süddeutschen Zeitung. DeSelfie verlinkt an dieser Stelle wieder einmal eine interessante Zeitgeist-Betrachtung: In seinem Artikel „Agile Revolution“ (Print-Ausgabe vom 11.12.2018, S. 9), der im Netz mit „Demokratie muss rumpeln und stottern“ überschrieben ist, argumentiert der Autor, dass demokratische Prozesse Zeit brauchen – und diese sich somit gegensätzlich zur beschleunigten digitalisierten Welt verhalten.

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Veränderung braucht Zeit

Nicht nur demokratische Prozesse sind in Zeiten von Digitalisierung und Flexibilisierung mit der immer stärker werdenden Gegensätzlichkeit von Tempo und bewusster Entschleunigung konfrontiert, sondern Veränderungsprozesse jeglicher Art. In uns Menschen. In Unternehmen. Gesellschaftlich. Als eine der wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft sehen wir bei DeSelfie das Wahrnehmen der eigenen Verhaltensmuster.

Dazu gehört auch das Wahrnehmen des eigenen Tempos und der Geschwindigkeit des Systems, in dem wir uns bewegen. Erst nach dem bewussten Wahrnehmen können wir aktiv handeln, wenn wir möchten und die Fähigkeit dazu besitzen – oder nicht: beschleunigen, entschleunigen, stehen bleiben, Gas geben.

Agilität und Lernprozesse

„Agilität“ ist von der Software- über die Designbranche in der Managementtheorie und schließlich in der großen Massenbetrachtung angekommen. In Konzernen werden „Scrum“, „Design Thinking“, „Kanban“ für Teams methodisch geschult. Das häufige Ziel dahinter: Selbstorganisiertes Arbeiten, schnelleres Arbeiten, Modernisierung und Effizienzsteigerung.

Häufig werden in der Umsetzung jedoch diese Lernprozesse immer noch als linear wahrgenommen, so im Sinne von: Jetzt haben wir einen Fehler gemacht, das muss am Mitarbeiter liegen, dann hat der daraus zu lernen. Nein. Erst einmal sollten die Zusammenhänge erforscht werden. Alle könnten aus Fehlern lernen, sich im Lernzirkel organisieren, systematisch reflektieren. Mentale Agilität ist vielmehr auch als Rückbesinnung auf das zu verstehen, was trotz des Fehlers gut gelaufen ist.

Was bei Mitarbeitern hängenbleibt

Was bei den Mitarbeitern zu diesen geschulten Methoden hängenbleibt, ist häufig der Gedanke: Ich muss schneller werden. Ich muss eigenverantwortlicher werden. Ich muss mithalten können. Muss, muss, muss. „Muss“-Botschaften sind grundsätzlich keine vorteilhaften Botschaften, um eine Grundhaltung zu entwickeln, die an einem Miteinander interessiert ist, die gemeinsames Lernen und Besserwerden in Prozessen und Kommunikation ermöglicht. Die Mitarbeiter sollten erst einmal verstehen, warum sich das alles für sie lohnt. Und dass auch ihre Führungskräfte durchaus weiter lernen müssen. Mehr über sich selbst, über ihre Teams und die inneren Prozesse, die passieren, wenn Mitarbeiter “etwas anders machen sollen”.

Viel wichtiger wäre es, Führungskräfte und Mitarbeiter gemeinsam fit zu machen, was es heißt, Partizipation im Unternehmen zu leben – denn das ist ein wichtiger Teil der Grundidee von „Agilität“. Aus der Motivationspsychologie wissen wir längst, wie wichtig es ist, intrinsisch motivierte Mitarbeiter zu haben. Jene also, die aus sich heraus motiviert sind, das zu tun, was sie tun. Und häufig passiert das genau dann, wenn die Leistung wahrgenommen und wertgeschätzt wird, das Handeln sinnstiftend ist und es eine gute Rückkopplung mit der Führungskraft gibt.

Gute Führung kostet Zeit

Das bedeutet wiederum: Viel Arbeit und Kommunikation auf Seiten der Führungskräfte. Und diese kostet Zeit. Und bedeutet viel Arbeit an der eigenen Vorstellung, wie mit Fehlern umzugehen ist. Das ist nicht leicht, weil die meisten von uns aus einem verschulten System stammen, in dem von jeher „schlechte“ Leistung mit einer 6 und „gute“ Leistung mit einer 1 beurteilt wurde.

Als Berater und Coaches werden wir häufig mit dem Wunsch nach hohem Tempo konfrontiert. Unternehmen kommen nicht selten dann auf uns zu, wenn der Veränderungsprozess kippt und ein Feuerwehreinsatz notwendig ist. Emotionen wie Unsicherheit, Ängste und Wut oder Enttäuschung spielen dabei mit hinein und es erfordert eine hohe Selbstreflexionskompetenz, sich nicht von diesen Emotionen anstecken zu lassen. Denn das tun sie auf alle Fälle unbewusst – und wir können erst einmal wenig dagegen tun. In einem zweiten Schritt aber gilt es, bei sich selbst und den anderen diese „blinden Flecken“ zu adressieren – und Gegenwind auszuhalten. Vor allem in den überbeschleunigten Digitalwelten ist das eine der größten Herausforderungen für unsere Branche.

Die Rolle der Medien

Was Jan Füchtjohann in seinem Artikel, der Anstoß für unsere Betrachtung hier war, insbesondere adressiert, sind überbeschleunigte Prozesse, die über Algorithmen anstoßen werden. Jeder kann heute schnell und vehement seine Ideen kundtun. Findet in seinem Netzwerk Anhänger. Egal, wie valide der Inhalt auch sein mag.

Betroffen sind von dieser Tatsache insbesondere auch unsere großen  Medienunternehmen. Denn wo früher Redaktionen die Hoheit über Validität von Inhalten inne hatten, bewusst „O-Töne“ von allen Seiten einholten, Zeit in Recherche und Sorgfalt fließen ließen, hier und dort noch einmal abwägten, gemeinsam darüber diskutierten, und dann auch noch versuchten, in gefeiltem Edelfeder-Deutsch einen Artikel zu formulieren, haben heute schon längst andere darüber getwittert, gepostet, geliked oder gehatet. Es geht auch um die Legitimation von Qualitätsinhalten, die sich Qualitätsmedien zurückerobern müssen. Denn Qualität kostet Zeit.

Top 5 Themen in Coachings

Auch in der der Beratung von Einzelklienten spiegelten sich 2018 diese Themen und Gegensätzlichkeiten. Tatsächlich ging es 2018 in unseren Coachings sehr häufig um das Austarieren von Gegensätzlichkeiten und das Fokussieren auf die verschüttet geglaubten Ressourcen. Hier unsere Top 5-Coaching-Themen aus dem Jahr 2018:

Schnelligkeit vs. Langsamkeit

Belastung vs. Entlastung

Konsum vs. Verzicht

Beziehung vs. „Freundschaft Plus“

Abhängigkeit vs. Unabhängigkeit

Wir bei DeSelfie nennen diese Variationsfähigkeiten auf der Klaviatur des Verhaltensspektrums „Brückenkompetenz“. Denn in der Regel können wir eines von beiden sehr gut, selten aber beides. Daher hilft es, sich immer wieder eigene Brücken zu bauen.

Dabei knüpfen wir an die Lehre von Friedemann Schulz von Thun an, der von „Regenbogen-Qualitäten“ spricht und dazu sehr passend schreibt:Erst wenn zwei gegensätzliche Schwestertugenden zusammen kommen, entsteht (wie bei Regen und Sonne) ein wunderbarer Regenbogen. In unserer Kommunikationslehre sind wir darauf aus, solche „Regenbogenqualitäten“ zu entdecken und anzustreben. Die Integration der Gegensätze ist das Geheimnis guter Kommunikation, überhaupt das Geheimnis eines stimmigen Lebens.“

In diesem Sinne: Auf zu vielen interessanten Agilitätsprozessen, in denen die Entschleunigung ihren verdienten Platz bekommt.

Sonst noch interessant?

Auch die Schweiz ist schnell: Hier noch ein interessanter Artikel zum „agilen Mitarbeiter“ aus der NZZ.

Hier haben wir schon einmal darüber geschrieben, welche Voraussetzungen es aus unserer Sicht zur agilen Zusammenarbeit braucht.

Nostalgie und Rückbesinnung waren schon häufig hilfreiche Reaktionen auf Weiterentwicklung: Hier eine kurze Beobachtung zur Retro-Bewegung Polaroid.

Und hier schlägt das Pendel in eine gegensätzliche Richtung in Sachen Tempoerhöhung aus: Berufsberatung per Whatsapp hier.

DeSelfie heißt, sich selbst auf der Spur sein.